Montag, Juli 02, 2007
Ein protestantisches Leben ??
Immerhin zog ich lange Zeit mein Bewußtsein aus der Tatsache, weltweit die erste und einzig ordinierte, transsexuelle Pastorin zu sein - wenn man sich denn wirklich mit diesem Etikett labeln möchte. Aber es gab so etwas wie eine geheime Komplizenschaft mit dem Himmel, der ja immer für besondere Lösungen zu haben war. Wer erinnert sich nicht an die List Jakobs, der Esau mit einem simplen Trick das Erstgeburtsrecht erfolgreich streitig machen konnte. Oder an die Impertinenz eines Paulus, der ja gerade frisch konvertiert vom Verfolger zum Fan, nun auch den Apostel-Titel für sich beanspruchte - gegen jene Jerusalemer Alteingesessenen. Kurzum: ich war mir ziemlich sicher, dass es da ein gnädiges Zwinkern vom Himmel gab, waren dort doch illustre Personen versammelt, die später durchaus ihre Chance bekamen.
Das ist nun vorbei. Die Institution schlägt zurück, blind und ohne jemals zu fragen. Sie feiert sich selber und grenzt aus. Sie gewährt ein Bleiberecht, ohne jemals zu echter Teilhabe vorzudringen. Besonders erschreckend fand ich dabei das Verhalten eine gewissen Jürgen Dembeks, der ja damals als theologischer Beisizter im erfolgreichen Verfahren gegen die Landeskirche zugegen war, nun aber nur noch ablehnen, leugnen und nicht-verstehen kann. Eine ungeheuere Metamorphose eines Menschen, der nun ohnmächtig an der Macht, sich selber durchsetzen muss, samt allen Ungereimtheiten.
Also bin ich in den letzten Tagen meiner Geschichte nach nachgegangen, fand Spuren hier und dort und fing an, in eigener Sache zu recherchieren. Ich kam auf fast über 35 Menschen, die mein Lebensweg kreutzen und die nun ordentlich bestallt als Pfarrer/innnen in der Rheinischen Landeskirchen ihr Dasein fristen. Keine Frage gab es da, keine Antwort nur die Ahnung während der Recherche, dass es wohl doch an meiner geschlechtlichen Konversion gelegen haben muss, dass ich keine Stelle bekam, dass ich nun in Hartz IV mich wohl fühlen soll, dass Menschen mit eigener Geschichte nicht mehr tauglich seien für das Evangelium. Ein ungeheuerer Affront gegen die eigene Geschichte, eine Faulheit des Denkens und der menschlichen Begegnung.
Und dann fuhr ich mal mit dem Finger meine protestantsiche Lebenslinie ab:
_ Im Kindergottesdienst gewann ich dereinst beim "Gottesbrünnlein" (tatsächlich, so hieß die Seite für Kinder) eine Kamera. Kodak Instamatic 25, unglaublich und nur dem regelmäßigen Kirchegang in Kindesalter zu verdanken, als ich mit meinem Zwillingsbruder wie gebannt den Geschichten von Abraham und Sarah lauschte, den immer-wieder Aufbrüchen ins Neue, eingeklemmt zwischen zwei dunklen Holzbänken, die mehr und mehr meine Heimat wurden. Ich fand sie nicht schlimm, sie hatten so ein Widderhorn eingechnitzt zu Anfang und sie waren bequem. Ich mochte es, bevor ich mich in die Bank hineinzwängte, diese Hörner zu streicheln wie gute Freunde. Ihr mal wieder, seht, ich bin auch da.
_ Dann kam das Zeltlanger auf Texel. Letztlich sagte noch meine Mutter, dass wir ab zehn nicht mehr mit meinen Eltern in Urlaub fahren wollten. Es war diese Mischung aus ernster Andacht mit wilder Freiheit des Zeltens, die Morgenandachten und Lieder, die man für immer mit nimmt ins Leben. Schön war es, "Vom Aufgang der Sonne ..." zu singen, nachdem in der Nacht das Lager abgesoffen war, Koffer hoch schwammen und Klamotten am nächsten Tag durchnässt auf allen Leinen hingen. Schon immer war es diese Mischung, die ich mit Protestanten verband. Dazu die Ernsthaftigkeit eines Onkel Helmuts, - unseres Pfarrers - der bei den Menschen bliebt und vor allem bei sich.
_ Natürlich wusste und spürte ich spätestens ab meiner Pubertät, dass da was mir mir nicht stimmt. Und so suchte ich mir Hilfe, etwas Besonderes dass das Be-Sonderte in mir stoppen konnte. Eine homöopathische Hilfe, die ebenso unglaublich daher kommen musste, wie das tiefe Erschrecken in mir. Also bekehrte ich mich klassisch zu jenem Jesus, den mir der CVJM damals als Allheilmittel anpries gegen jede Sünde im Leben, besser noch als alle OxiProdukte für die Waschmaschine, da er nicht nur ein Leben wieder weiß, sondern auch wertvoll machen sollte.
_ Es begann nebenher meine zweite Karriere und ich wurde nun ein vom Glauben an den Herrn Jesus neu erwecktes Menschenkind, klug in der Bibelauslegung, die ich sehr bald als mein neues Zuhause entdeckte, da ich ja dort nicht reden konnte von all dem, was ich an Ungeheuerlichkeit in mir selber auszuhalten versuchte. So zog ich um, dissoziierte zwischen die Zeilen der Heiligen Schrift, die mir damals noch geung Platz anbot, mich einzufinden und zu sein - weit entfernt von der Reaktion einer Institution, die nur sich selber gelten lässt. Ich lief also mit Gittarre und langen Haaren durch die Gegend, versuchte Menschen zu bekehren und meinte, so mich selber am besten schützen zu können: indem auch ich erfolgreich war. Indem auch ich das anderen versprach, woran ich selber glaubte: dass man sich los-werden kann bei Gott. Wirklich loswerden.
_ Was mir immer half: Bodenhaftung, auch wenn die Menschen, denen ich damals begegnet bin, das durchaus anders sahen. Wohl zu recht. Aber Außen- und Innenansichten unterscheiden sich maßgeblich. Und wie ich dann meine Rundreise durch die christlichen Absonderheiten begann, war erstaunlich. In Wuppertal lehrte man das sog. "Zungenreden", ein unverständliches Kauderwelsch, was aber mit einem ungeheueren Anspruch auf Autorität und Wissen daher kam, als wäre es von Gott selber eingegeben. In Bergneustadt gab es die Wiedertäufer, die durch Untertauchen im Gottesdienst - durchaus wörtlich zu nehmen - ihre Neugeburt dokumentierten. Was gab es nicht alles in der Welten weiten Reise der christlichen Religion und Sekten. Unglaublich Dinge, doch fern von mir und dem Menschen. Es war - glaube ich - eine Szene in Arlo Guthries wunderbarem Film "Alices Restaurant" (eine Horde von Hippies besetzen eine leerstehende Kirche und lernen aneinander zu wachsen), die mich immer wieder ansprach und schützte. Da kam Arlo im Film zu einem Zelt mit einer Evangelisation und blieb für ein, zwei Momente stehen, sah den dort verkündeten Wunderheilungen zu, an einem Zeltmast gelehnt und voll Trauer um den verlorenen Vater oder seine verlorene Liebe, blieb stehen einen Moment und ging dann einfach - wortlos.
_ Gewiss blieb ich weiter auf der Suche. Und ich weiss nicht, was mich trieb, aber mit 17 Jahren landete ich dann in Taize bei den Brüdern, das erste Mal und ich kann mich noch zu gut erinnern, wie ich getrampt bin von Freiburg bis nach Dijon, den Rucksack auf dem Rücken mit einem kleinen Zelt plus Schlafsack. Es goß in Strömen und irgend ein freundlicher BMW Fahrer nahm mich mit, klatschnass wie ich war und ruinierte wohl so seinen Beifahrersitz. Warum Menschen so etwas machen wird sich für immer meinem Verständnis entziehen, dennoch was ich getrost und irgendwie sicher und kam - irgendwie an. Die Glocken hörte ich von ferne und Taize wurde für mich eine weitere Heimat, fremd und vertraut zu gleich. Ein Ankommen bei mir und bei Gott - als wäre ich nur zu zweit auszuhalten, ohne Beistand kaum lebensfähig und mir selbst sicher. So traf ich Frere Roger, lernte Frere Alois kennen, der meine Schweigegruppe (Retraite) leitete. Es war gut - schweigen und einfach da sein. Nichts mehr tun und ankommen: bei sich und bei Gott. Lavendelfelder. Herrlische Landschaften. Eine alte Bruchsteinkirche abseits des religiösen Getriebes. Da sein. Und wieder aufbrechen.
_ Zivildienst habe ich geleistet und mich damals den Prozeduren der Kriegsdienstverweigerung unterzogen. Anders als viele von denen, die heute als Landeskirchenräte in Düsseldorf sitzen und meinten, mich wegen Gefährundungspotential bei der Polizei anzeigen zu müssen. Welch verkehrte Welten. Verweigert habe ich damals aus christlichen Gründen, obgleich ich immer große Smypathie hatte mit denen, die diese Fluchttüre nicht nötig hatten. Ohne anerkannte Religion. Ohne Glaube und Verlass auf einen Dritten. Einfach so - nein zu sagen. Dennoch, ich habe meine achtzehn Monate im Krankenhaus gearbeitet und es war eine sinnvoll gute Zeit - natürlich evangelisch dekliniert. Das Bethesda Krankenhaus zu Essen-Borbeck, so hörte ich zuletzt, sei inzwischen geschlossen worden. Das Schwesternwohnheim, in welchem ich ein Zimmer mit Balkon zugewiesen bekam, dient nun Senioren als Residenz. Damals war es für mich der Aufbruch ins Leben und ich kam unmittelbar und direkt an von den Krankenbetten. Menschen mit fragenden Augen, Sterbebegleitung und eine Routine, die nötig war, um damit klar zu kommen. Nebenher blieben mir die Stadtteffen von Taize: Breda und Paris, später im Studium nach Paris und mehr.
_ Da blieben also diese beiden Wurzeln. Einmal die Kirchengemeinde in Essen Haarzopf mitsamt Zeltlager und Morgenandachten, dann der CVJM, der sich sehr bald in eine eigene Taize Erfahrung mutierte, um sich ankommen zu können und nicht bleiben zu müssen. Diese allzeit-bereiten CVJM Menschen waren mir nie ganz geheuer - lieber etwas reisen und unterwegs sein, eine Parabel und Paradigma für das, was noch kommen sollte. Später sollte auch Onkel Helmut mit mir reden über alle Gräben hinweg und freundlich, ein Pfarrer der mich getauft hat, in dessen Kirche ich geheiratet hatte und der nun selber sehr genau und spontan begriff, dass da ein Mensch war, wenngleich die geschlechtlichen Prärogativen sich änderten. Undenkbar, dass er mich im Stich gelassen hätte. Undenkbar, dass er mir aufgrund meiner Tat ( und das Wechseln von Geschlecht wird immer noch als Tat angesehen, deren Täter zugleich auch erstes Opfer sind) die Freundschaft gekündigt hätte. Auch hier bewahrheitete sich, was gewachsen war, wenngleich ich dort dennoch nicht meine Lösung und Los-Sprechung finden konnte.
_ Was ich tat, was klar. Ich verwickelte mich weiter in diese Geschichte, auch wenn ich gerne Architektur studiert hätte und meine Mutter mir schon einen Studienplatz ins Lehramt Sekundarstufe II besorgt hatte. Leher wollte ich mit diesem inneren Gebrechen nicht werden und los gesprochen war ich nicht nicht. Denn darum ging es ja, wenn man Theologie studierte: das man für das Leben los gesprochen wurde. Entweder von seinem Gebrechen oder ins Leben hinein. Und so stand bei mir im Studium, das ich an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal nach meinem Zivildienst aufnahm immer beides auf der Probe: das Menschsein des Menschen wie auch Gottes Gottsein. Das war, was andere in mir kaum verstehen konnte, wohl aber doch spürten und irgendwie bewunderten. Dass ich Gott nie abseits des Menschen denken konnte ohne ihn dennoch auflösen zu müssen in billige Alltagserfahrung nach dem Motto: Gott hat uns alle lieb. Ich glaube in der Zeit wuchs eine gewisse Arroganz als Schutzmantel um mich herum und ich erinnere mich noch gut, wie ich nachts Stunde für Stunde hebräische Vokabelkarten malte, mit Tusche und Feder und ganz unmittelbar nah an dem, was ich als Heimat empfand. Das Hebräische war mir der Eintritt in eine neue Welt und ich lernte, gerne und unwidersprochen.
_ Die Los-sprechung ins Leben geschah langsam. Aber schon damals war mir klar, dass ich etwas anderes brauchte als die dünne Nahrung, die ich bisher im Studium bekam. Etwas anderes, als dieses allezeit nette GuteMenschen Christentum, zu dem man sich halten konnte ohne auch nur eine Konsequenz vergegenwärtigen zu müssen. Immerhin ging es bei mir um alles oder nichts. Um sein oder nicht sein können - vor Gott und den Menschen in gleicher Weise. Traue ich mich den Schritt heraus? Oder gibt es Heilung vor der Krankheit, verzweifelt nicht man selber sein zu wollen?
_ Die Antwort kam, auch wenn sei dauerte. Es waren zwei Erkenntnisse und ein Lehrer. Lehrer zu haben, ist ja nichts Schlimmes, im Gegenteil - ich brauchte sie. Nicht nur einen Onkel Helmut, sondern weit mehr. Im Studium wurde ich dann fündig in Heidelberg. Ein Lehrer, der Luther noch lateinisch lesen konnte und dessen Bibliographie so skurrile Titel enthielt wie: Erschienen in der Zeit. Es war natürlich die Lektüre von Sören Kierkegaard, die mich damals rettete und Luft holen hieß: Furcht und Zittern, oder diese elende Geschichte wie Abraham seinen Sohn Isaak retten sollte. Kierkegaard fand zwei Schlüssel für mich, die auch mir das Leben aufsperren sollten. Das war zum einen die "teleologische Suspension des Ethischen", anders dekliniert an der Fragen: wie kann Abraham losgehen, ohne doch ethisch - das heißt im Allgemeinen geboren zu sein. Und Kierkegaard findet an dieser Frage die besondere Existenz des Abraham wieder, der eben weder an seinem Glauben fanatisch oder verrückt wurde, noch ihn fahren lassen musste. In ähnlicher Beschaffenheit fand ja auch ich mich wieder. Und der zweite Begriff war die geglückte Wiederholung nach vorne, ein Wiedersehen im Leben als der andere, gerade in dem Moment, wo Abraham Isaak opfern will, bekommt er ihn wieder, aber verändert als ein geschenktes und darin freies Leben. Und mich wieder-holen in meine Hoffnung, das wollte ich ja stets, wenn dieser Wunsch schon nicht zu erschlagen sei. Wenn man doch ins Leben kommen wollte, obwohl man schon da war. Kurzum, dieses Seminar und die Freundschaft zu diesem, besonderne theologischen Lehrer schaffte es in mir, die Bremsen zu lösen, mich neu zu empfangen als eine, die das Leben lieb hat und nicht verzweifelt selbst sein musste oder eben verzweifelt nicht man selbst sein musste.
_ Sicherlich, zuvor habe ich es ja auch versucht: dieses normale Leben zu führen. Ein ambitionierter Theologie Student, der irgendwie anders tickte als die anderen. Der dazu gehörte und dann doch nicht. Und angepasst hatte ich mich auch - gut getarnt im Studium und doch nur bewaffnet mit einer Frage: wer bin ich, wer werde ich morgen sein?
_ Es brauchte Zeit, das alles in mir zu zu lassen und zu verstehen und vielleicht war es wie bei Luthers Thesenanschlag, der ja nicht eine plötzliche Erkenntnis definierte, sondern eine Einladung zur Diskussion war, ein sich auf die Probe stellen. Es brauchte Zeit, damit auch Erkenntnis im Körper verhaftet wird und sich Bahn machen kann. Zwischendurch zog ich nach Wuppertal und heiratete die Tochter eines Superintendenten, damals. Beheimatete mich mehr und mehr in dieser biblischen Familie und Tradition, so als könnte der übergroße Wunsch in mir sich vertreiben lassen, je mehr man sich in Traditionen erdete.
_ Mein Schwiegervater, Pfarrer und Freund meines Onkel Helmuts (nicht nur da schließen sich wohltuende Kreise im Leben), war zumindest der erste Mensch, den ich - neben meiner Frau - von mir erzählen konnte. Von diesem bangen Menschenkind, das sich nicht retten konnte und nun zu allem Stauen und Überdruß selbst in der Bibel den Ruf ins Leben vernahm: Geh los und riskiere Deine Existenz wie Isaak. Kein Opfer je, wie ja auch diese Geschichte im Judentum nicht die Opferung, sondern schlicht die Bindung Isaaks beschreibt und seine letzendlich neue Freiheit. Eine bessere Dialektik fürs neue Leben, als die allzu dummen Ausleger des Christentums es sich jemals zugetraut hatten. Immerhin, jenem Schwiegervater offenbarte ich mich und drückte ihm - unvergesslich - meine Tränen in sein Wildlederjacke und er nahm mich als Menschenkind an, einfach so, ohne Worte und blieb bis ich mich ausschütten konnte über all das viele Leid, was ich wohl behütet unter meinem Herzen trug und nun auch ausschütten musste. Es erstaunte mich so ungemein, diese Erfahrung machen zu dürfen, wenngleich es auch die Ermutigung zur Freiheit war, die offene Tür und ein Weg, dessen Richtung ich nicht kannte.
_ Ja, auch diese Erfahrungen gab es in der Kirche und mit kirchenleitenden Menschen, allein sie wirken unglaublich weit weg und vergilbt, so als könne sich die Institution mit wachsender Angst ihre Menschlichkeit nicht mehr leisten, eine pure Direktheit, ein einfaches Stehenbleiben mit der Frage auf den Lippen: Wie geht es Dir. In all meinen Geschichten und Erlebnissen habe ich nicht einmal diese Frage von Theologen an mich gestellt gesehen, nicht einmal den Blick erwidert, nicht einmal mich wahrgenommen.
_ Die Operation dann fand auch in einem Ev. Krankenhaus statt, damals in Mannheim und ich erinnere mich noch gut an meine letzte Nacht außerhalb, als akreditierter Mann im Hause eben jenes Lehrers und Professor, der mir damals Heimat gab und Verständnis und ein Abendessen dazu. Das war wahre Nächstenliebe und kein hinter wohlwollenden Toleranzen sich verschanzender Protestantismus, der sich selber am Klingelbeutel krault, unfähig ein Herz zu sehen. Gewiß, ich bin also auch evangelisch operiert und es mutet doch merkwürdig an dass ich, trotz geschlechtlicher Konversion, im theologischen Leben doch sehr streng dabei blieb: ein protestantisches Leben eben. Der Verwechselung war damit aber Tür und Tor geöffnet, dachten und denken die kirchenleitenden Gremien doch immer: wer das Geschlecht wechselt, dem kann nichts mehr heilig sein. Dem kann der Glaube nur noch ein Akzidenz im Leben sein, etwas Beliebiges und nicht mehr Wertvolles. Und so verhielten sich sich denn auch - bis heute. Was eigentlich zeigt und dokumentiert, dass sie es selber nicht mehr ernst nehmen können und wollen.
Berührend ...
Ich habe eine fast 15-jährige Tochter mit dem Verdacht auf Transsexualität. Sie war dieses Jahr in der psychotherapeutischen Klinik und wurde allerdings nach
16 Tagen entlassen, da die Therapeuten nicht mehr weiter wussten.
Durch meine Recherchen im Internet bin ich nun auf Ihre sehr schöne Homepage gestoßen und wollte Sie fragen, ob Sie mir nicht Beistand leisten könnten. Für einen telefonischen Rückruf wäre ich Ihnen sehr dankbar. Ich bin seit sechs Jahren geschieden und abends meist zwischen acht und erreichbar.
Berührend und erschreckend daran ist, dass Menschen lange surfen müssen und allen Mut zusammen nehmen, um sich selber zu erklären. Es gibt keine klaren Anlaufstellen. Seit mehr als 25 Jahren haben wir in Deutschland zwar ein Gesetz, dass den Übergang zwischen den Geschlechtern (und vielleicht auch die Grauzone) regeln möchte, aber überwiegend fehlen kompetente Ansprechpartner. Therapeuten arbeiten mit dem Instrumentarium der Diagnose und Intervention, suchen sich an dem zu orientieren, was als bekannt und damit erkennbar beschrieben wurde. Immer wieder stoße auch auf die Tatsache, dass gerade Therapeuten sich an dieser Diagnose "versuchen" und man kann bei dieser Meldung nachgerade dankbar sein, dass sie selber ihre Unwissenheit zugeben. Das ist nicht immer so - mit oft fatalen Ergebnissen.
Ich nahm also Kontakt zu diesem Vater auf und traf auf einen Mann, der völlig verunsichert war, da niemand ihm die notwendige Vermittlung anbot. Einfach zuhören. Ängste wahrnehmen. Fragen so sachlich wie möglich beantworten. Und vor allem da sein als jemand, der diesen Weg schon gegangen ist. Später im Laufe der Beratung nahm ich auch Kontakt mit seinem Kind auf. Es war weiter, als die Angst des Vater es erlaubte. Viel weiter. Und es brauchte etwas Zeit, bis auch dieses Kind lernte, den Vater mit zu nehmen. Der da nichts und niemanden verstehen konnte, aber eines unbedingt wusste: Ich möchte mein Kind bei aller Angst in mir, nicht im Stich lassen. Und das war wunderschön.
Zugleich aber stimmt auch, dass immer mehr TransMenschen in Deutschland aus dem Leben gekickt werden. Umfragen ergaben, dass über 90% der MannZuFrau Menschen keine Perspektive mehr entwickeln und arbeitslos werden. Ein Tribut an eine Lösung, die nur in Paragraphen denkt und nicht weiter schauen kann oder will. Sicherlich hat es auch mich nun getroffen, da man Zukunft in der Ev. Kirche nicht eröffnete, statt dessen alles verschloss aus eigener Angst. Anders als dieser Vater, war man nie in der Lage, die eigenen Ängste zu thematisieren und entliess, statt zu reden. Zeigte an bei der Polizei, statt vorbei zu kommen. Rechtfertigte sich selber, statt auch nur mal drei ehrliche Worte miteinander zu wechseln.
Was nötig wäre, ist tatsächlich eine Ombudsstelle für Transsexualität, für diese kleinen fast unscheinbaren Leistungen, die dennoch große Wirkung entfalten können. Die Holländer nebenan sind diesen Weg gegangen und erlauben nicht nur, sondern begleiten und vermitteln immer wieder, wenn es nötig ist, dass ein Mensche Mensch unter Menschen bleiben kann. Dass der Aussatz immer in den Köpfen anderer beginnt, haben sie begriffen. In Deutschland muss man statt dessen immer noch die eigene Haut zu Markte tragen. Schlimm genug.
Montag, Juni 25, 2007
Streifzüge durch die Kindheit : Texel
Ich erinnere mich an die morgendlichen Andachten um Sieben Uhr vor dem Frühstück trat man an, oft noch ungwaschen aus dem Schlafsack heraus - ungewohnt anders damals als je erlebt. Hier entstand das, was ich - neben den anfänglichen Besuchen im Kindergottesdienst - durchaus meine gute, kirchliche Sozialisation nannte. Ein evangelisches Menschenkind. Es gab diese herrliche Mischung von Acht-Mann-Rundzelten, diesen abenteuerlichen Hauch von Freiheit - das verband sich in mir und setzte klare Linien. Es gab immer wieder den Wind in den Haaren, die Bestimmtheit eines Pfarrers, der noch als Hilfspfarrer der bekennenden Kirche unterwegs war. Eine Zeit, die nun vergessen wird oder als vergangene Heldenzeit der Insitution weggeschoben ist.
"Onkel Helmut", wie wir ihn nannten, war dabei gar nicht onkelhaft und hatte die Fähigkeit, bei sich zu bleiben und als Pfarrer nicht zum Entertainer mutieren zu müssen, wie man es jetzt landläufig erlebt. Ein protestantischer Ernst, durchaus gemischt mit preußischer Pünktlichkeit, die bei ihm aber nicht als Zwang daher kam, sondern in größter Selsbtverständlichkeit, hielt es sich selber stets daran. Pünktlich um sechs Uhr in der Frühe sah man ihm schon vom Morgenlauf ins Lager zurück kehren. Er wohnte in einem kleine Zelt nur für sich, die Bibel und ein paar Bücher neben einer alten blauen Luftmatratze, die er wohl schon zu Kriegszeiten besessen hatte. Unbeding zu beachten waren auch die Gürtel, mit denen er seine Bücher zusammen band. Selbst als seine Frau später mit ins Lager kam und mit ihren Kindern ein eigenes Häuschen bewohnen konnte, bliebt er der unscheinbare Mann im Zelt, etwas abgelegen.
Für uns Kinder und Jugendliche war Texel ein eigener Ort, ein Flecken Erde, wo der Himmel etwas weiter war als zu Hause, Nachtwanderungen an den Strand, später Lagerleitung in doppelter Schwierigkeit: jetzt das verhindern lernen, was man selber gerne gemacht hat und zudem glaubwürdig Morgenandachten halten. Man hatte auf einmal Zutritt zu dem eher unsichtbar wirkenden Pfarrer und spürte doch dessen Ernsthaftigkeit hinter all den Dingen. Es war eben keine Freizeitmaßnahme, sondern ein Jugendzeltlager - allerdings weit weg entfernt vom christlichen Aufsehen, dass z.B. ein CVJM stets um sein Engagement machte.
Heute ist dort alles umgebaut worden. Auf "Dennennord" stehen keine Zelte mehr, selbst den Namen hat man gestrichen. Jetzt fanden wir dort kleine Backstein- Häuschen, alle demselben Baumuster folgend, einige sogar mit Sauna und Kamin. Von der Wildheit der ersten Jahre keine Spur mehr. Und dennoch waren die Wege noch klar und bewusst. Wie merkwürdig, dass der Körper Erinnerung speichern kann und wie ein eigenes Muster abruft.
Mittwoch, Mai 23, 2007
Betriebswirtschaftliche Betrachtung - anno 2007
Dienstag, Mai 22, 2007
Protestantisches Taliban Marketing
"Präses Nikolaus Schneider hat die Gemeinden aufgerufen, anlässlich des G8-Gipfels in Heiligendamm einen „Heiligen Damm des Gebets“ zu errichten."
Hier die Quelle.
Die Not um Aufmerksamkeit und Anpassung muss groß sein, wenn auch der Präses nun medial kochen geht und nebenher Dämme errichtet. Wissen Sie etwa, was kongolesisches Essen oder ein "Heiliger Damm des Gebetes" ist? Wozu der gut ist?
Peinlich wenn Epigonen meinen, an die Zeit der Friedensbewegungen anknüpfen zu können. Damals gab es einen Präses Peter Beier, der selber angefochten doch ganz anders mit Sprache umgehen konnte. Und solche Show Effekte mied.
Wen schert es, es hört ja eh keiner mehr hin.
Interessanter ist allerdings, dass sich die Ev. Kirche im Rheinland seit Jahren beharrlich weigert anzugeben, wo, wie und in welchem Umfang sie ihre Pensionsrücklagen angelegt hat. Sie wissen doch, diese Gelder für die Hedge Fonds. Das wäre durchaus ein Thema für Attac.
Einige hören da schon längst die Glocken läuten.
Transparenz statt billige Parolen wären alle Mal besser.
Na dann, guten Appetit.
Der Fall Kässmann: Civil Religion mit Bohlen Effekt
Frau Kässmann nutzte jede sich bietende Gelegenheit grandios. Keine zuvor, die sich so einmischte und öffentlich selbst vermarkteten konnte. Exemplarisch und beispielhaft wie eine Kylie Minogue 1 offenbarte sie auch ihre Burstkrebserkrankung. Exemplarisch mutig trug sie nun ihre Scheidung in die Öffentlichkeit und droht nun, unter die Räder zu kommen.
Und das durchaus zu recht.
Naiv ist die Vorstellung, auch die Scheidung vermarkten zu können, um sich als glaubwürdiges, protestantisches Produkt darstellen zu können. Mit leichten Modifikationen weiter wie bisher? Wir sind ja alle nur Menschen?
In einer Zeit, in der alles personalisiert und vermarktet wird, hat Frau Kässmann bewusst dieselben Mechanismen eines Dieter Bohlen benutzt: Jedes Erkennen ist ein Wiedererkennen. Mediale Identifikation ist alles. Daher hofft sie nun folgerichtig auf eine vorauseilende, kollaborative Sympathie, die ihr die eigene Reflexion und Verantwortung am Scheitern ersparen soll.
Schon immer kämpfe sie. Da fügt sich ihre Erkrankung nahtlos ein. Schon immer war sie Opfer. Ein Opfer der schwierigen Umstände, des Amtes, der grauen Männerherrschaft im Kirchenapparat oder - horrible dictu – nun auch der eigenen Brustkrebserkrankung, die ihr Mann laut BILD Schlagzeile einfach nicht verarbeiten konnte. Damit hat sie sich öffentlich sanktioniert und vorab entschuldigt. Denn: Adam war es. 2
Zugleich aber hat sie, und das ist für eine evangelische Bischöfin bemerkenswert, Luthers Rechtfertigung des Sünders komplett auf den Kopf gestellt. Deren Besonderheit besteht ja darin, ein Verhältnis zu sich selber und seinem Tun entwickeln zu müssen, um sich als Sünder überhaupt erst begreifen zu können. Anders gesagt: Nur wer in den Spiegel geschaut hat, kann auch lachend wieder heraus treten.
Nichts von dem ist nun davon zu hören. Ein perfider Verrat geschieht da im ureigensten Territorium der Theologie, die sich folgerichtig nur noch in erfahrungsarmen Floskeln ausspricht und daher Figuren braucht, denen man die Glaubwürdigkeit anheften kann. Civil Religion mit Bohlen Effekt - oder: Frau Kässmann macht den Glauben wieder gut.
Das aber ist, mit Verlaub, als Landesbischöfin gar nicht ihre Aufgabe, sondern entspricht ihrer selbst gewählten, persönlichen Vermarktungsstrategie, die intuitiv und punktgenau die medialen Bedürfnisse des sog. öffentlichen Interesse bedient und viele Rollen bereit hielt: Frau Kässmann war der evangelische Exportschlager, war das gelungenes Gegenmodell zum Papst, die durchsetzungsfähige Karrierefrau und vierfache Mutter, die vollbeamtete Akademikerin, die von Krebs bedrohte Glaubensheldin 3 und und und ...
Dazwischen jedoch steht ein Mensch, der sich begreifen kann als von Gott erkannt und geliebt - immer beides. Aber solange man theologisch nur noch eines bereit ist auszusagen - Gott hat euch alle lieb - bleibt zwangsläufig ein menschliches Defizit bestehen. Mit dem Gute Laune Gott brettert man mutwillig am Evangelium vorbei. Es ist nicht mehr verwunderlich, wenn nun so wenig spürbar ist von einem Verantwortung tragenden Menschen, von seiner Zerbrechlichkeit, von seinen inneren Widersprüchen und Anfechtungen, wie ein Helmut Schmidt es zeitlebens lebte. Eher ist man versucht an einen Ministerpräsidenten Wulff zu denken, der den Wechsel seiner Beziehung im Verborgenen hielt und wohlweislich nicht öffentlich vermarktet hat.
Allerdings, wo ein Bischöfin sich vorab die Vergebung predigt und einfordert, muss all das zwangsläufig auf der Strecke bleiben. Seelsorglich durchaus, gebührt Frau Kässmann alle Sympathie. Aber diese darf eben nicht verwechselt werden mit den Mechanismen der Öffentlichkeitsverwertung. Deswegen scheint nun der Amtsverzicht und der Rückzug ins Private und Intime gebotener denn je.
Niemand braucht den Superstar oder eine evangelische Jeanne D´Arc, die allen Gefahren widersteht. Denn die Gefahr kommt - wie so oft - gar nicht von außen, sondern wächst aus innerem, falsch verstandenen Glauben heraus: unbedingt bleiben zu müssen statt gehen zu können. 4
Sympathie und Unterstützung 5 wird Frau Kässmann zweifellos erhalten, ebenso wie ein Mark Medlok oder eine Fiona von Heidi Klum. Aber es scheint, dass ihr "stellvertretend exemplarisches“ Leben nun zur narzistische Falle wird, der sie fortan nicht mehr entkommen kann. Gefangen in sich, ist keine wirkliche Lösung in Sicht. Also macht sie, was immer sie kann: weiter wie bisher.
Das Evangelium als frohe Botschaft der Befreiung allerdings braucht sie dafür nicht. Statt dessen genügt es hinfort, einfach benutzerfreundlich weiter zu lächeln.
Bild: www.ekd.de 1 Es gibt Unterschiede: Während Kylie sich komplett einer Chemotherapie unterziehen musste, ist von Frau Kässmann nur die Operation bekannt, die sie lachend mit Psalm 23 auf den Lippen begonnen haben soll. Minoque war mutig genug, auch ihre eigene Angst zu formulieren und liess sich mit Kahlkopf fotografieren. Frau Kässmann posierte lächelnd im Kreise ihrer Familie und griff ihren Mann in BILD frontal an. Gemeinsam ist, dass die Erkrankung beide die Beziehung kostete. Anders als Kylie, die zusammen mit Anastasia gemeinsame Appelle und Aufklärung auf den Weg brachten, begnügte Frau Kässmann sich mit ihrer Selbstdarstellung, statt es in ihre kirchliche Arbeit zu integrierten. (Betreuung, Beratung, Vorsorge, Zentren in kirchlichen Krankenhäusern etc.)
2 Diese klassische Schuldverschiebung kennt man aus der Schöpfungsgeschichte. "Eva war es!" so lautete immerhin der erste Satz des Mannes, nachdem er vom Baume der Weisheit und Erkenntnis gegessen hatte. Eine durch und durch kümmerliche Auskunft, trotz der epochalen Bedeutung seiner Tat. Wenn nun Eva durch Adam getauscht wird, zeigt es vielleicht doch, dass die Emanzipation der arrivierten Akademikerinnen dort angekommen ist, wo alle anfangen müssen: an der eigenen Nasenspitze.
3 Der Glaubensheld nach Kierkegaard sucht "verzweifelt man selbst sein" oder "verzweifelt nicht man selbst sein" zu wollen. Wobei der Kampf um die Anerkennung stets in dieselbe Paradoxie führt: eben aus sich heraus nicht besser sein zu können, sich selber nicht herstellen zu können. Frau Kässmann scheint sowohl in ihrer Ehe als auch dem kirchlichen Engagement Anteil daran zu haben, meint sie doch tatsächlich, "den Glauben gut machen" zu können. Daher halte ich diese Formulierung durchaus verräterisch und treffend für ihre Einstellung.
4 Luthers "Hier stehe ich nun, ich kann nicht anders!" basiert ja auch einem temporären Missverständnis seiner selbst. Hätte er damals schon gewusst, zu wessen er fähig war und wurde, wäre dieser Satz niemals über seine Lippen gekonnen. Heute allerdings wird er zu einem erratischen Satz gedehnt, mit welchem der Berufsprotestant das eigene Beharren im Beamtenrecht zu rechtfertigen versucht, durchaus trotzig in Habitus, aber eher behäbig im modus operandi.
5. Warum sind die Kirchen noch nicht darauf gekommen? Wie die Privatsender auch könnten sie dich per SMS oder Telefonanruf (sog. Televoting) darüber abstimmen lassen, ob Frau Kässmann bleibt oder besser eine Auszeit nimmt oder ganz auf ihr Amt verzichten soll. Der Mobilisierungsgrad wird sicherlich enorm hoch sein, wenn auch wirklich eine Konsequenz dahinter steht. Vielleicht sollte ein Gegenkandidat dabei sein, der diesen Posten auch übernehmen könnte. Das wäre der Höhepunkt der medialen Karriere. Die eingespielten Gelder von nicht unbeträchtlicher Summe könnten für wohltätige Projekte wie z.B. dem Erhalt der ev. Kindergärten ausgegeben werden.
Freitag, Mai 18, 2007
Im Windschatten
für vier Wochen Coaching
in folgenden Städten zu übernehmen:
Hamburg
Kenne ich, ist wunderbar.
Hochschule für Bildende Kunst
im Jahre kurz nach dem Wechsel
Mike Hentz, freie Künstler. Ein Nachtworkshop
Über die Nacht gedehntes Zusammensein.
Gemeinsam Kochen und erste Versuche, Aktionen
Von Eleven die übermüdet schrill sich selber
Zur Hand nehmen, da anderes nicht mehr
Greifbar scheint
Als Pastorin habe ich
Rituelle Versorgung betrieben
Alle mit goldgefärbtem Reis gesegnet,
Cross over Rituale wie wir sie
Heute benötigen weit wehr
Als die gängigen Muster
Religiöser Selbstbefriedigung
Künstlerische Verfremdungen,
Nachtschwangere Augenblicke,
Kurz bevor der Geburt von
Wahnsinn oder Genie
Wild – wunderbare Zeiten.
Später dann
Hapag Lolyd. Mein
Angebot für eine philosophische
Praxis an Bord der MS Europa. Sie
Wollten mich. Ich blieb hier und
Zog an den Niederrhein
Frankfurt
Praktikum bei der
Frankfurter Rundschau
Schwindelnde Schattentürme
Der Mensch zertrümmert sich das
Genick beim Anschauen wird ihm klar
Klein bist und und wirst es bleiben
Berichterstattung über
Die Jährung des Ausschwitz Prozesses
Alte Männer aus Kanada mit jidischem Akzent
Und Tränensäcken im Reisegepäck. Schon
immer war Frankfurt jüdisch.
Ein Spaziergang
Über den jüdischen Friedhof
an der Friedberger Landstraße
Später dann die Fairness Stiftung
Einmal im Jahr Vorstände betreuuen
Keiner war so jovial nah wie ich. Ich mache mir
Nichts aus großen Leuten. Den Chefs von Trumpf
Den Leibingers bin auf die Pelle gerutscht,
Eingehakt duze ich sie ohne zu fragen. Sie
Mögen es
München
Im Jahre 1999
Meine ersten Besuch
Nachts im Schuman´s Bar
Boris Becker steht immer noch
Verloren wie die Büste in der
Weissblassen Niesche
Wohl morgen noch
Ostbahnhof
Diskotheken saugen mich
Auf nächtetanzlang mich
Ausführen im Schwarzlicht
Lederweste und Hose,
Macho Girl
Das tanz und tanzt
Unwiederbringliche Lust
Der CSD mit Tuntenlauf
Mein Ring am rechten
Finger stammt von dort.
Heute fahren wir einmal im Jahr
Und essen im Spaten eine
Schweinshaxe zur Freude
Wird man bürgerlich
Ohnehin
Die Zeiten ändern sich.
Manchmal
Stehen sie still, um
Im Windschatten
Von Erinnerung
Mich einzuholen
Wie Netze
An Land
Mittwoch, Mai 16, 2007
Denglisches Bekenntnis
Da hat sich die Ev. Kirche im Rheinland zum Kirchentag wirklich was einfallen lassen. Nicht nur, dass zum Kirchentag von der Werbeagentur (Scholz & Friends) für viel Kirchensteuergeld ein satter Haifisch zum neuen Christensymbol erkoren wurde, auch bei der Werbung für den Kirchentag setzt sie ganz auf "trendiges" DEnglisch. So erklärt ausgerechnet das Landeskirchenamt einen DEnglischen Warnhinweis zum Sieger eines Plakatwettbewerbs.
Wo man sonst vor Kängurus warnte, findet man nun den christlichen Haifisch verbunden mit dem sinnigen Slogan: "Caution - Sharper Christians may be present"
Offensichtlich schämt sich die Ev. Kirche im Rheinland der reichen, deutschen Sprachtradition eines Martin Luthers und nimmt sie lieber nicht mehr in Gebrauch. "Es sollte durchaus mit ein bisschen Witz sein", so Petra Bosse-Huber, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) und Mitglied der Jury. Witzig wäre allenfalls der Slogan "Caution - SharKer Christians may be present" (engl. shark = Hai) - aber zu so viel Humor und Selbstironie wollte man sich dann doch nicht aufraffen.
Insgesamt ist das eine sprachliche Bankrott Erklärung eines aufgesetzten Haifischprotestantismus, wie es schlimmer nicht sein kann. Anpassung alleine macht noch keine Botschaft. Vor allem dann, wenn sie keiner mehr verstehen kann, da jedlicher Inhalt fehlt.
Aber auch so kann man Kirchensteuer sinnlos verschwenden.
Noch Fragen?
Hier der komplette Artikel: http://www.ekir.de/ekir/ekir_44067.php
Kleiner Nachtrag:
Interessant wäre zu wissen, wer denn da vor wem gewarnt werden soll? Und warum?
Das Fisch-Symbol immerhin (ichtys, gr. Fisch und als Achrostichon eine Beschreibung für "Jesus, der Christus, Sohn Gottes, Retter") erlaubte ein gegenseitigen Erkennung der Christen unter Verfolgung. Nun aber soll es selbst eine Bedrohung darstellen, vor der gewarnt werden muss? Wie das?
Dienstag, Mai 15, 2007
Bodensee Berührungen
"Deine Mail hat mich berührt und es ist gut so.
Gottmadingen.
Meine Güte.
1999 ein Jahr Konstanz.
Vagabundieren in die Schweiz.
In der Bleiche ein Business Essen.
Fahrten im offenen Cabrio.
Lachen, neu anfangen.
Dazwischen eine Menge Leben gefaltet.
Weit weg. Wie jüdischen Fluchtgeschichten.
Damals war es nicht so einfach in die Schweiz zu gehen. Heute sagt man, überschwemmen die Deutschen die Schweizer. Da will ich nicht bei sei.
Behutsame Annäherung war mir lieber.
Dazwischen so viele Abschiede.
Weißt Du, das Rose
Ausländer, die verscheuchte Jüdin
zum ersten mal wieder in Konstanz
deutschen Boden betrat?
Übersetzte nach Meersburg, um den
Anette von Droste Hülshoff
Preis entgegen
zu nehmen.
Sie blieb spontan ein Jahr,
das nirgends erwähnt wird.
Der Nebel trieb sie
nach Düsseldorf,
wo sie 1986
verstarb.
Derweil begann ich
meinen Wechsel.
Es gib so viele
wunderbare Geschichten
dort unten und es
war ein
Willkommen wie unter
Meinesgleichen unvergleichliches Echo
Der Boden gibt genug
See um über ihn laufen
zu können.
Samstag, Mai 12, 2007
Jedes Erkennen ist ein Wiedersehen
Ja, ich empfand mich als fremd, als nie wirklich dazu gehörig und irgendwie dazwischen. Dieses Dazwischen sein schaffte es auf der anderen Seite aber auch, dass ich nach außen hin wunderbar funktionieren konnte. Kein Sitzenbleiben, keine Notenpatzer, ein wunderbares Kind mit hoch intelligenten Leistungen. Kann sein, ich habe mich darin verstecken können. Kann sein, es war eine Art gelungener Sublimation, das mein kleines Geheimnis schütze. Und dann diese Spiegel Artikel. Unerhört.
Es muss kurz davon oder danach gewesen sein, dass ich mich dann bekehrte zu Jesus Christus - so wie der CVJM es vorsah und mit allem Brennen, zu dem ein Herz fähig war. Ja, ich war fromm und schwebte immer zwei Zentimenter über dem Boden - weltfremd, weil jeder Blick auf die Wirklichkeit Schwindel bereitet und die vermeidliche Sicherheit im Himmel doch weitaus besser war dagegen einzutauschen. Dass es anders kam, bedeutet aber zum Glück nicht die Verleugnung des Glaubens, sondern eher dessen Bewahrheitung. Dass Gott Menschen rechtfertigt, dass er ihnen sein Ja gibt, damit sie leben können - mit welchen Fähigkeiten und Gebrechen auch immer.
Ein Internet existierte damals nicht. Es gab keine E Mails und auch keine Usergroups oder Newsforen. Alles, was das Internet an Information, an gegenseitigem Erkennen leisten kann, war Zukunft noch. Und man tat sich schwer. Später, viel später lernte ich dann die EZKU kennen und besuchte deren Herausgeberin Anna Bödecker in Köln. Kennen gelernt habe ich die Zeitung in Wuppertal, nachdem ich mich meiner Ärztin offenbart hatte. Irgendwie bekam ich den Kontakt und zum ersten Mal war da ein großes Aufatmen in mir : als werdende Frau musste man seinen Verstand nicht verlieren.
Immerhin hatte ich zuvor schon einmal eine Transsexuelle getroffen. Sabrina, ein ehemaliger Baggerführer und LKW Fahrer in Rüschenbluse und tönendem Bass. Die Finger nikotingelb dozierte sie über Nagellack und schwelgte in Erinnungen nächtlicher Autobahnfahrten mit Höchstgeschwindigkeit durchs Aosta Tal. Mehr als eine Doppelbelichtung erschreckte sie mich allein mit dem Gedanken, selber so werden zu können, zu müssen. Denn jedes Erkennen ist ein Wiedersehen und jeder Kontakt mit Transsexuellen war für mich in dieser Zeit Anziehung und Abstoßung zugleich.
Ein Gefühl, das sich durch den Magen zog wie ein brennendes Eisen. Eine Begegnung, die man vergessen will und in bebendem Bemühen sich nachts in die Träume schlicht, mich schreckhaft aufwachen ließ. Jahre später sollte mir ähnliches widerfahren, als ich als neue Frau die Synode in Bad Neuenahr besuchte und neben mir wiederum eine jener Nikotin geschwängerten Rüschenblusen sich vernehmlich machte, die ich später als Helma Alter identifizieren konnte, die Gründerin der Transsexuellen Selbsthilfe. Was für ein Erkennen, als sie dort oben für Trans-Leute meinte sich melden zu müssen zu, nicht ahnend, dass neben ihr die ersten geschlechter-konvertierte Theologin schon stand. Aber so war es immer mit dieser Selbsthilfe, die listenreich doch eher den eigenen Mangel bei anderen einklagte, anstatt wirklich hin zu schauen und zu organisieren.
Die EZKU dagegen war mir eine Offenbarung. Und zum ersten Mal las ich von anderen und begann zu begreifen, dass ich kein Einzelexemplar war, sondern Geschwister hatte. Menschen mit ähnlichen Infekten. Denn mit Geschichten und Geschlecht waren wir alle merkwürdig und unheilbar infiziert. Eine Krankheit zum Tode, das war es wohl nicht, obgleich ich es stets dachte.
Nach all meinen Wegen und spät, sehr spät fand ich dann 1997 den Weg ins Internet. Damals als frisch und ohne nachvollziehbare Gründe entlassene Pastorin im Sonderdienst, die weiß Gott mit Transgender Menschen nichts zu tun haben wollte, sondern auch und vor allen Dingen postoperativ für sich sein wollte. Kein Wunder, bot die Kirche sich als Versteck und forderte geradezu mein Schweigen heraus: Kein Wort über die Lippen. Du bist Frau und basta. Wen interessiert Dein Weg, Dein Werden? Keinen, also sei da un dankbar. So ungefähr ließen sich alle kirchlichen Durchsagen zusammen fassen.
1997 jedoch fand ich bei meiner ersten Suche im Internet eine wundersame Seite. Es gab das diese kandadische Internetpräsenz: C-Theory Und dort ein Bericht einer amerikanischen Professorin über einen Gender Workshop in San Francisco, den eine gewisse Kate Bornstein gehalten hatte. A transsexual Tiresias. Und sofort wusste ich, dass ich Kate treffen musste. Sofort wurde mir klar, dass mein Frausein, das wiedergewonnene Geschlecht, eine Genossin gefunden hat.
Je länger je mehr wurde mir das Netz dann als neue Welt offenbar und in allem Schmerz, auch damals durch die Trennung von Anne verursacht sowie die ausgewiesene Ignoranz einer Kirche, konnte ich dort mich wieder sehen. Ein Spiegel und weit mehr - so als wäre ich wie Alice im Wunderland durch meinen Spiegel in eine neue Welt gesprungen.
Heute fand ich zum Erstaunen den ersten, wirklich überzeugenden Podcast auf YouTube zum Thema Transgender und ich musste schmunzlen und an meinen langen Weg hin zu mehr Informationen und Wissen denken. Dennoch denke ich, tat es mir gut, mit das Wissen anzueignen statt es nur serviert zu bekommen, womit ich dann bei dem großen Unterschied zu heute bin. Wenn alles zugänglich ist, wird es nur konsumierbar, nicht aber aufgenommen und affiziert. Kann sein, das Langsame der Aneignung hat mir gut getan.
Heute jedoch bin auch ich immer noch beeindruckt von den Möglichkeiten, wie sie sich hier im Internet nun bieten, obgleich ich mir sicher bin: innerlich hilft auch Information nur bedingt weiter. Die Erschütterungen über sich selber bleiben gleich und so muss man schauen, sich anzuschauen und wieder zu sehen - in welcher Gestalt auch immer.
Freitag, Mai 04, 2007
Neulich fragte man mich ...
Das Problem der Eifersucht ist,
dass
sie allein zu besitzen
scheint, was niemand besitzen kann.
dass
sie für sicher hält,
was nicht fest zu halten ist
dass
sie Liebe formatiert,
dass sie die Fülle negiert
dass sie
Bleiben suggeriert
wo nicht bleibt als Brennen
dass sie
Grenzen setzt und
dafür über jede Grenze geht
dass sie
nicht erlaubt, was
man sich selber nicht traut
dass sie
blind macht, weil sie
zu viel zu sehen scheint
dass sie
gehorsam fordert
wo Liebe wachsen soll
dass sie
haben will, statt
sich beschenken zu lassen
Eifersucht ist mehr als eine animalischer Reflex
sie bedient ein Beute schema, sie macht das Gegenüber
zum Objekt und sei es des eigenen Begehrens oder der eigenen
Angst, sie legt Netze um einen Menschen, die mal Geborgenheit suggeieren
mal ersticken können.
Die Eifersucht ist exklusiv
weil sie stets mit den anderen rechnet.
Donnerstag, April 26, 2007
Zum Weghören
Ich sollte einen angegehnden IT Leiter in Kommunikation trainieren. Alle bisherigen Kurse seien gescheitert und dann - klar, kommt man zu mir. Das Problem: Der Mann konnte sein Gegenüber einfach nicht anschauen, während eines Gespräches. Und niemand konnte ihn davon abbringen, den Kontakt doch während des ganzen Gespräches zu halten und nicht zwischendurch aus dem Fenster zu sehen oder sonst wo hin. Von allen wurde ein solches Verhalten als unangemessen empfunden. So könne er sich seine Bewerbung vollends abschminken.
Der Fall war spanndend, fürwahr.
Was würden Sie denken?
Wie kommt so ein Fehlverhalten zustande?
Wie könnte man intervenieren, um ihn in Kontakt zu bringen?
Die Lösung war eigentlich einfach, nur kam niemand darauf:
Der Mann war bis zu seinem 23 Lebensjahr ein ausgezeichneter Klavierspieler und Organist, was er aber nicht sofort anderen anzeigte. Denn mit einem finalem Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle hatte er von heute auf morgen seinen musikalischen Weg beendet, auch um sich vom Elternhaus und dem dortigen Druck zu emanzipieren. Ein harter und sehr ungewöhnlicher Schritt, den er auch erst mal niemanden mitteilte.
Seitdem war er in die IT Branche konvertiert und wechselte die Manuale mit dem Keyboard, was eigentlich auch nahe lag. Er wurde ein ausgezeichneter IT Systemspezialist, der alle "Register" ziehen konnte und höchste Anerkennung genoss - wäre da eben nicht sein problematisches Verhalten bei den Gesprächen.
Na, - weiss jemand schon die Lösung?
Gut, die Sachlage bekam nun einen Hintergrund. Aber damit war kaum erklärt, warum er sich denn so und nicht anders verhalten musste. Unter der Voraussetzung, dass jedes Verhalten in sich Sinn macht, kamen wir einen Schritt weiter.
Der Mann verstand die Welt mit dem Ohr.
Und nicht über die Augen.
Und jedes Mal, wenn er sich abwendete, gab er das beste, was er zum Verständnis entwickelt hatte: sein Ohr und seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
Wir haben dann zwei Sätze in die Bewerbung eingebaut: Wissen Sie, von Haus aus bin ich Musiker und geben Ihnen gerne mein Ohr. (Abzubringen war er ja nicht mehr von seinem Verhalten, was unzählige vor mit versucht hatten)
Und glauben Sie mir, wer eine Fuge von Bach spielen kann, der wird auch ihre Systemlandschaft verstehen und analysieren können.
Die folgenden Bewerbungsgespräche waren überaus erfolgreich, drehten sie sich doch alle samt nicht mehr um sein Verhalten, sondern um die doch so spannende Schnittmenge von Musik, Informatik und Kunst. Und tatsächlich konnte er später sich seine neue Stelle problemlos aussuchen.
Natürlich nicht nur deswegen, aber wohl auch.
Donnerstag, März 15, 2007
austrittserklärung
an die ev. kirche im rheinland
das landeskirchenamt
düsseldorf
hiermit erkläre ich meinen austritt aus dem männlichen geschlecht.
ich bin mir bewusst über die konsequenzen und folgetatsachen, u.a. dem verlust jedlichen respektes und des anspruches auf lebenslange verbeamtung unter ansehen meiner person. ich beantrage nachfolgend asyl bei allen anderen geschlechtszugehörigkeiten, insonderheit der gemeinschaft von frauen, die ich hinfort als "zugehörig angesehen" werden möchte. da im gemeinen juristisch- kirchlichen sprachgebrauch frauen auch als "männer im sinne der kirchenordnung" zu betrachten sind, bitte ich dennoch um notifikation und achtung meines standes und der entsprechenden eintragung in den registern und aktengrundlagen der verwaltung der institution.
im status als "zugehörig angesehen" zu werden, möchte ich mein leben in, mit und unter einer weiblichen identität vorerst weiter bestreiten, soweit diese beschreibung für meiner weiteres leben denn als hinlänglich betrachtet werden kann. ich weise dabei ausdrücklich darauf hin, dass ich keinerlei vereidigung oder beurkundung als frau erfahren habe, deshalb kann ich auch nicht garantieren, in dem nun angenommenen geschlecht zeitlebens zu verbleiben. das ist verwaltungsrechtlich weder gefordert, noch als verbindlich vorgesehen oder gar von den probanden selber gefordert.
für alle als mann begangenen taten und folgen trage ich auch weiterhin und selbstverständlich die volle rechtliche verantwortung, für alle im neuen begonnenen schritte bitte ich um unterstützung ders klerikalen konversationsgremiums und bester, seelsorglich poimenischer begleitung.
diese erklärung verfasse ich im klaren zustand und unter zu hilfe nahme aller mir zur verfügungstehenden sinne,
erklärt zu köln
am 12. september 1998
karin kammann
noch-pastorin im interim
...............................................
Es ist schon erstaunlich, was man beim Aufräumen des Computers alles finden kann. Wie eine erste Ahnung damals klingt diese tapfer mutige Austrittserklärung. Wie ein Menetekel, so als wusste ich schon vor fast zehn Jahren schon, was passieren wird. Inzwischen kann ich guten Vollzug melden.
Was mich erstaunt hat, ist diese schon damals gefundene Einschränkung, nicht nochmals reduziert zu werden: auf eine kirchliche Frauenrolle, die eben nicht passt. Nicht in ein Frauenbild gepresst zu werden, das sie allenfalls erwünscht und erwartet haben. Diesen Gefallen habe ich ihnen nie erfüllen können und vielleicht liegt genau hier die Antwort, warum dieses Experiment Mensch, wie ich es nenne, scheitern musste. Weil die Kirche nur zu genau wusste, wie ich als Frau zu sein und zu funktionieren hatte. Projektion statt Perzeption.
Aber ebenfalls tröstlich ist es, diese Texte wieder zu entdecken. Texte, die aus alten Zeiten stammen und doch irgendwie immer noch taufrisch wirken. Sie machen den Punkt, den andere sich nicht gewagt haben. Und sie stellen die Dinge auf den Kopf - durchaus kongurent und adäquat zur damaligen Situation.
1998 lebte ich in Köln, in diesem brüllenden Stillstand. Damals noch befristet verbeamtet in einem Sonderdienst, die nie geleistet wurde. Mit Geld versehen, aber ohne Aufgabe, ohne Perspektive, sich wirklich qualifizieren und ausweiseen zu können in diesem Beruf.
Irgendwann fand ich mich wieder auf einer Bank in der Kölner Südstadt, verloren gegeben ganz und gar, mit stillen Tränen im Gesicht, ein innerer Verschleiß, der nicht mehr auszuhalten war. Ich war da, und doch nicht da. Existent und zugleich unsichtbar gemacht. Mit Geld versehen, aber ohne Job. Verrückte Zeiten.
Schon damals aber wusste ich, dass man selbst in der Anfechtung, Ausgrenzung und Fremdheit durchaus sehr klare Gedanken fassen konnte. Und dass die Sprache sich nicht wehren muss, sondern scharf und treffend sein kann, wie ebenso unendlich zärtlich und vertraut.
Kein Wunder, wenn man lesen kann. Denn auch ich habe "in Sprache überlebt." (Elias Canetti) Kein Wunder also, dass mein späterer Weg dahin führte, wo jene schon längst gewesen waren.
Aber das ist eine andere Geschichte und
soll anderswo erzählt werden.
Freitag, März 02, 2007
Anschäge auf das Selbstbewusstein
In der Tat waren Luthers Thesen ihrer Form nach eine Einladung zu einer Disputation, wie sie allenthalben an der damaligen Universität zu finden waren. Sie schärften seine reformatorische Erkenntnis, setzen sich aber auch offen dem Widerspruch aus. Es waren daher alles andere als protestantische Hammerworte, sondern erst mal Thesen, die auf ihre Bewahrheitung oder Widerspruch geradezu warteten.
Daraus hat die evangelische Kirche das Gegenteil gedroschen. Thesen wurden zum Dogma degradiert und der hörend, suchend und sich dem Widerspruch ausliefernde Teil des protestantischen Glaubens ertrank in fort währendem , intelektuellem Magerquark.
Luther war ein Mönch seiner Zeit und damit gebildet - durchaus. Vernehmend las er die Psalmen in seinem Kommentaren vor der reformatorischen Entdeckung auf die Rechtfertigung allein aus Glauben in Latein seinen Studierenden vor. Immer wieder im Akt der Exegese beschäftigt, fand er, was seiner Suche zuträglich war. Dem Angefochtenem die Rechtfertigung allein als Glauben als Ende einer Suchbewegung hin - auch zum eigenen Ich, das bei Gott eben nicht klein und eingemacht wird, sondern neu frei gesetzt ist. Seine Rechtfertigungslehre ist das Gegenteil kleinbürgerlicher Anpassung, wie sie von der Kirche mehr und mehr gefordert wird.
Die heutigen Pfarrer wissen offenbar nur noch wenig von Luther. Er ist zum Stoff verkommen. Die Universität lässt sie mit ihrem Wissen im Stich. Und der Protestantismus selber ertrinkt in seiner Harmlosigkeit, weil er sich der Welt nicht mehr auszuliefern vermag, dem Widerspruch zum Gegebenen - wie ihn auch ein Dietrich Bonhoeffer für sich als Gehorsam entdeckte. Beide waren keine Glaubenshelden und doch stets an der Wahrheit bemüht. Gerade in der Anfechtung groß und im Dogma eher suchend und bescheiden.
Die Evangelischen heute machen da lieber schnell eine Haifischflosse auf den aus Urzeiten als Friedenssymbol überkommenen Fisch und laden zum Kirchentag ein, wo alles vor kommt und nichts bei raus. Der Haifisch-Protestantismus schnappt sich unserer Kinder - an Verdummung und Harmlosigkeit kaum zu überbieten. Man plakatiert inzwischen wieder mit Solgans und hämmert sie ein, die eine Werbeagentur für teures Kirchensteuergeld erst finden musste.
Arme Protestanten, denen der Mut so kläglich ausging auf dem Wege. Der Mut zum Fragen, der Mut zur wirklichen Auseinandersetzung und Anfechtung. Nulla tentatio, id es summa tentatio. Schrieb ein Luther dereinst. Keine Anfechtung mehr haben, das ist alle Anfechtung haben.
Wer es nicht glauben will - schau bitte hier .
Übrigens hat niemand im Landeskirchenamt meine 16 Thesen zum Gehorsam gegenüber der Landeskirche gelesen, geschweige denn sachlich darauf reagiert. Statt dessen wurde ich des Bruch des seelsorglichen Geheimnisses sowie der Amtsverschwiegenheit geziehen. Zu einem anderen Vorgehen konnte man sich - damals wie heute - wohl nicht entscheiden. Denn Lesen ist gefährlich und könnte die eigene Meinung beeinflussen.
Sonntag, Februar 25, 2007
Brosamen II
Das ist, was man früher als "Opium des Volkes" beschrieb, was heute natürlich unendlich falsch ist, weil es eher um Beruhigungsroutinen des Mittelstandes geht. Bürgerlichkeit und Anständigkeit werden zur Ersatzreligion, weitab von dem, was im Evangelium gilt.
Daher ist in der Ausgrenzung anderer Menschen und Wirklichkeiten durch die Kirche tatsächlich keine Diskriminierung zu sehen, kann man doch im Spiegel nur sich selber sehen. Wen oder was sollte man dort noch ausgrenzen wollen?
Ansonsten bleibt solch ein Verhalten schlicht unverständlich: Selbst ehrenamtlich darf ich nicht mehr arbeiten. Es ist aber auf keinen Fall als Diskriminierung zu verstehen ???
Siehe hier die Causa Kammann
Dienstag, Februar 20, 2007
Die perfide Rache der Feinstaubmänner
In letzter Zeit kann ich es einfach nicht mehr hören. Das Wort "Feinstaub". Als ich heute morgen mit meinem Hund Rocco den Kuhdyck in Wachtendonk hoch ging, schaute ich mir die vor den Häusern geparkten Autos an. Zweitautos meist, weil wir spät am Morgen Gassi gehen. Die A6 und Mercedes, der Nissan X-Trail und Toyota Avensis sowie der Porsche Cayman, den ich insgeheim bewundere (auch ich bin nur eine Frau), waren alle schon entschwunden und auf dem Weg zur Arbeit.
Was blieb waren ältere Golf, zweimal ein Peugeot 106 sowie ein Toyota Starlet, ein Opel Corsa und etliche alte Polo, zum Teil mit Rostauflagen. Das alles fand sich auf einer Strecke von vielleicht 800 Metern. Zugegeben, mit angebundenen Seitenstraßen.
Der Kuhdyck in Wachtendonk ist jetzt nach dem Neubau ausladend modern, ein kleines Cannes am Niederrhein. Es geht die Mär, dass man diesen verkehrstechnichen Appendix samt hypermoderner Beleuchtung auch vom Weltall sehen kann. Wie die Chinesische Mauer. Dafür mussten sechzehn alte Kirschbäume gefällt werden, aber das ist eine andere Geschichte.
Von diesen Autos also, den ZweitMammaKinderAbholTeilzeitArbeitsAutos, waren mindestens acht Stück nicht in der Lage, den Anforderungen der neuen Feinstaubverordnung nach zu kommen. Euro 2 mindestens. Und das auch nur für drei Jahre. Diese Autos also müssten also verschrottet werden, spätestens im nächsten Jahr, wenn wir denn eine Umweltzone in Wachtendonk einrichten würden. Das ist im Dorf am Niederrhein wohl nicht zu befürchten.
Dennoch stellt sich ein anderes Problem. Denn der Weg zur Teilzeitarbeit ist nun für viele Mütter versperrt. Wie sollten sie auch nach Duisburg, Krefeld oder Mönchengladbach kommen, wenn dort eine solche Zone eingerichtet ist? Jedes Mal 40 Euro riskieren? Jedesmal ein Punkteintrag in Flensburg? Wer will das schon?
Birgit, eine der Mütter, kenne ich gut. Sie arbeitet vormittags in Krefeld. In einem Fotofachgeschäft. Demnächst kann sie kündigen - ohne neues Auto. Und für ein solches müsste sich die Familie erneut verschulden. Das Haus, zwei Kinder und nun - ein neues Zweit Auto anschaffen? Wer kann das schon, wenn es gerade mal so reicht. Nach dem Wegfall der Eigenheimprämie, nach der Erhöhung der Mehrwertsteuer und der saftigen Anhebung der Kindergartenbeiträge?
Wie sollte das gehen, wenn schon jetzt ihr Verdienst mit eingerechnet werden muss, um durch zu kommen. Durchgerechnet haben wir es dann doch. Birgit müsste allein drei Jahre lang arbeiten, um den Kredit für das neue Auto ab zu bezahlen. Oder sie muss es leasen. Mit allen Risiken. Denn schon jetzt verdient VW mehr Geld mit seiner Bank als mit der Produktion von Fahrzeugen.
Das Fazit ernüchternd: So ein Familie kann sich einen neuen Zweitwagen einfach nicht leisten. Und billige Autos gibt es dann auch nicht mehr. Die sind auf einmal alle verschwunden. Denn es geht nicht nur Birigt so. Auch andere Mütter fahren mit ihren kleinen Polos halbtags arbeiten, um die Familie durch zu bringen. Und die müssen nun alle neue Autos haben - von heute auf morgen.
Ursula von der Leyen, die Familienministerin, hat ja vollmundig angekündigt, mehr Kinderkrippen einrichten zu wollen. Damit Frauen wenigstens die Wahl haben, ob sie arbeiten gehen wollen oder nicht. Ohne Auto, eine fromme Wunschvorstellung. Zumindest hier auf dem Land.
Klammheimlich ziehen andere den Frauen und Müttern den Zweitwagen unter dem Arsch weg. Pech gehabt, sagt man dann. Schade, wenn es jetzt nicht mehr mit der Arbeit für Mütter klappen wird. Das nenne ich dann: die perfide Rache der Feinstaubmänner.
Später wird es wieder heißen: "Schauen Sie, eigentlich wollten unserer Frauen doch nur am Herd stehen. Was haben wir nicht getan, um ihnen die Arbeit schmackhaft zu machen. Aber ein Versuch war es doch wert - oder?" Und rühmen sich obendrein, noch etwas fürs Klima getan zu haben.
Aber - so war es immer schon.
Was man hier versprach, hatte man woanders schon genommen. Der Stillstand triumphiert und irgendwie sind wir Frauen es doch selber schuld - oder etwa nicht?
Donnerstag, Februar 08, 2007
Web 2.0
Aber seht selber :
Montag, Februar 05, 2007
Vaginales Fundstück
in der Immanuelskirche Berlin Kreuzberg
Bericht:
Mein letzter Gottesdienst im Sonderdienst wurde auf Einladung des internationlen Hurenkongresses 2000 in Berlin Kreuzberg gehalten und beschränkte sich auf die Verlesung von Lk. 7,36 ff (Jesu Salbung durch die Sünderin), damit die Huren die Kirche als Vesammlungsort tatsächlich wie geplant nutzen konnten. Man hatte ihnen den Zutritt zur Kirche tatsächlich verweht, da man einen rituellen Tanz um eine von den Huren mitgeführte Papp-Vagina befürchtete.
Ausgerechnet jenen Frauen, die schon vor 25 Jahren in Paris eine Kirche erstürmt hatten und öffentlich wurden und sich anzeigten in ihre Menschenwüde als Frau und Sexarbeiterin, verwehrte man nun die Kirche. Eben jenen Frauen, die den Mut hatten, sich bei sich selber zu behaften, sich anzuzeigen als Mensch, was der Kirche gänzlich fremd und bedrohlich erschien.
25 Jahre später fragt es sich verwundert, was eine Ev. Kirchengemeinde hindern mag, Huren in ihren Gottesdiensträumen willkommen zu heißen? War es die alt-uralte Angst vor dem Weiblichen?
Mit Heinrich Albertz erinnere ich mich gerne daran, dass - so Gebet und Bibellesung vorhanden sind - jede Versammlung kirchenrechtlich als ein Gottesdienst zu betrachten sei. Also sagte ich als Pastorin, dass ich dort mit den Huren einen Gottesdienst halten wolle, erlangte Zutritt und las vor allen Huren den Text bei Lukas, als Jesu gesalbt wurde, öffentlich in des Pharisäer Hause von einer dahergelaufenen Sünderin oder Hure. Denn auch solche Geschichten sind zu Hause in der Bibel und sie sind keine Zutaten, sondern Sterne.
Denn Jesus ließ sich die Füsse mit Tränen netzen. Er ließ sich gefallen den Liebesdienst jener und erst recht, was jene Frau im Schilde führte. Der Text in der Bibel war nun verlesen und jetzt brauche es nur ein Gebeit - mehr nicht und fertig war der Gottesdienst. Denn, was braucht es mehr als echte Menschen und diese beiden Zutaten?
Als dann eine Domina in Lackoutfit völlig unerwartet auf der Orgel ein Präludium von Bach intonierte, da war das Reich Gottes in der Immanuelskirche Kreuzberg handgreiflich nahe.
Es fiel mir nicht schwer festzustellen, wie wenig nah diese verfasste Kirche bei den Menschen ist - dafür umso näher bei ihren Ängsten. Übrigens und falls es interessieren sollte: auf das Mitführen der Pappvagina wurde von seiten dern Huren verzichtet. Allerdings konnte ich mir nicht verkneifen, alle Anwesende zu fragen, ob sie denn auch ihre Vagina mitgebracht hätten. Was alle eilfertig und gerne bestätigten. Also hatten doch alle ihr Vaginchen bei sich. Was brauchte es da noch eine große Pappvagina ?
Ich denke es ist an Zeit - immer noch und erst recht - , statt erneut Menschen zu stigmatisieren und auszugrenzen, eine neue Geistesgegenwart in dieser Kirche zu er-finden: im Umgang mit Menschen und auch im Umgang mit den ihr anvertrauten Texten. Hier ein Versuch
gedankenreim:
------------------------------
der liebe mass
gedankenreim zu Lk. 7,35ff
jesus und die sünderin
[1]
wie sich verwickelt
die liebe
nach aussen
im hause der feinde
angesichts des spottes
bei der die schon kennt
ihre schuld
unablässig immerzu
fliesst die träne auf ihn zu
[2]
wie sich verwickelt
das wissen
nach innen
im hause des spottes
angesichts der liebe
bei dem der schon kennt
seinen prophet
unablässig immerzu
murrt er: so bist du?
[3]
an füssen
ihn küssen
sie dort zu ehren
lässt ER sie gewähren
ohn unterlass
zwei schuldner zusammen
vergebung erlangen
dem denken
zu schenken
der liebe mass
copyright by karin kammann
Samstag, Januar 27, 2007
Flatline
Es war acht Uhr fünfzehn. Das Telefon schellte erneut.Manchmal kann ich am Klingeln erkennen, wer dran ist. Es kam das bekannte, etwas zögerliche "Hallo?". Von mir gab es keine Antwort. Jetzt klackte es am anderen Ende. Aufgelegt.
Es war acht Uhr und fünfundzwanzig. Es klingelte erneut. Zum Glück habe ich den Apparat am Bett stehen. Genervt drehte ich mich um. Ich ahnte schon was kam.
"Hallo???"
"Was ist es sich denn?" fragte ich mürrisch.
Nur zu genau wußte ich, wer an der anderen Leitung war.
"Ich bin es!" kam es heiter zurück.
"Ja, das habe ich mir schon gedacht. Wer sonst? Was gibt es denn so Wichtiges, dass Du ich Sonntag morgens unbedingt wecken musst?" fragte ich, da ich nun schon mal wach war.
"Oooch" dehnte sich das Wort, "eigentlich nichts Besonderes. Es ist nur..."
Geschichten kamen mir in den Sinn. Katastrophenmeldungen bei ihr fangen immer so an. Sie klingen erst ganz harmlos. Nichts sei geschehen, sagte sie anfangs und am Ende hing sie heulend wie ein Waschlappen in der Leitung und wollte nur getröstet werden. Ich sah auf den Wecker. Es war jetzt acht Uhr vierundreissig.
Wie man mit so wenig Worten so lange reden konnte, fragte ich mich noch, als sie weiter fortfuhr.
"Fällt Dir denn gar nichts auf?"
"Doch, Du hast mich jetzt schon zum dritten Mal angerufen. Es muß also wichtig sein."
"Nein, ist es eigentlich nicht." versuchte sie mich zu beruhigen. Das wird ja noch schöner dachte ich. Erst versetzt sie mich in einen alarmierten Wachzustand, nur um dann zu berichten, dass wirklich nichts los sei.
"Also komm, was ist es denn..." sagte ich genervt.
"Ja ja, ich zeig es Dir mal!!" echote es an der anderen Leitung. "Du wirst es nicht glauben!" Gerade bei solchen Sätzen ist höchste Achtsamkeit geboten. Nun war ich auf alles gefasst.
Nur darauf nicht.
"Klack" machte es in der Leitung.
Sie hatte aufgelegt. Einfach so.
Bevor ich das Telefon weglegen konnte, klingelte es erneut.
"Ja was denn....??"
"Hast Du es gemerkt? Hast Du es nicht gemerkt???", kam es vom anderen Ende. "Ja was soll ich gemerkt haben? Bitteschön... "
"Na, dass ich vom Handy aus anrufe..."sagte sie.
Das war mir in der Tat entgangen.
"Ja bist Du denn nicht zu Hause?" fragte ich besorgt zurück. Bekannt waren ihre Eskapaden, sich irgend einen Körper einzufangen. Gerade an Wochenenden. Man musste Sorge haben um sie. Manchmal halfen nur noch gezielte Interventionen . Aber so schlimm klang es diesmal gar nicht. Komisch.
"Nein nein", kam es aus dem anderen Ende der Leitung. "Ich bin nicht weg. Ich bin tatsächlich zu Hause." Ein Stein fliel mir vom Herzen. Ich konnte liegen bleiben. Wenigstens das.
"Und warum nimmst Du das Handy? Hast Du zu viel Geld oder bist Du zu betrunken, um dein Telefon wieder zu finden?"
"Heiss, gaanz heiss... " kam es lachend zurück.
So etwas kannte ich nicht von ihr, zumal nicht an einem Sonntag Morgen.
"Also, betrunken bist Du wohl nicht?" begann ich mein Ausschlussverfahren. "Nein, wo denkst Du hin?" kam lachend die Antwort.
"Zu viel Geld ? Hm, bei Deinem Lebensstil kann das wohl auch nicht sein. Eine Beförderung? Hast Du einen neuen Job bekommen?"
"Auch nein!" echote es mir entgegen.
"Dann weiss ich nicht weiter. Mensch, spann mich doch nicht so auf die Folter. Ist doch teuer genug!"
"Eben nicht!!" kam es triumphierend zurück.
"Aha!" kam es tumb von meiner Seite.
"Ich habe meinen Tarif gewechselt!"
"Welchen Tarif denn?"
"Na, meinen Handy Tarif !"
"Ja und.....?? "
"Beim neuen Tarif habe ich jetzt alle Festnetzgespräche kostenlos. Stell Dir vor, ich zahle gar nichts mehr dafür. Null. Nix. Niente !", begeisterte sich mein Gegenüber.
"Und das musst Du mir am Sonntag morgen mitteilen, indem Du mich drei Mal hinterinander anrufst?" Ungläubig schaute ich auf die Uhr. Acht Uhr zweiundfünfzig.
"Stimmt nicht!" sagte sie. "Vier Mal habe ich Dich angerufen. Und das alles zum Nulltarif. Genial was?"
"Ja - einfach Klasse!" gab ich müde zurück.
"Dich zu Hause zu erreichen, das schaff ich ja nur Sonntag morgens. Sonst bist Du immer unterwegs. Und dich auf deinem Handy anzurufen; das ist mir schlicht zu teuer." Sagte es und legte auf.
Gestern stand ein Telekom Vertreter vor mir. Er hatte eine wunderschöne Broschüre in der Hand. Als er den Mund aufmachen wollte, schrie ich ihn an: "Sie können Ihre Flatline behalten, lassen Sie mich einfach nur in Ruhe."
Sagte es und schlug ihm die Türe vor der Nase zu.
Wahrscheinlich wird er dieses Vorkommnis sofort mit seinem Chef besprochen haben. Am Telefon. Allein, um sich wieder aufzubauen. Zum Nulltarif, versteht sich.
Via Flatline.
Freitag, Januar 12, 2007
Manchmal
Es war im Jahre 1999 zu meinem 40. Geburtstag, da stand ich mit Tränen in den Augen am Zürisee, 700 Kilometer von der Evangelischen Kirche im Rheinland entfernt. Entkommen war ich und ich atmete die frische Luft und war frei. Die Möven flogen kreiselnde Kurven um meinem Kopf, um etwas von dem zu ergattern, was flüchtige Touristen hinterlassen hatten. Die Sonne spiegelte sich auf dem Wasser in weichen Wellen mit einem nie dagewesenen Sonnenwasserlächeln.

Tatsächlich, hier war ich angekommen, weit weg von allen. Angekommen bei mir in der Ferne, zugleich in einem Moment eine ungeahnte Erleichterung, so als wenn auch die Seele sich nach all der gelebten Trauer aufschwingt und beschließt für immer dort oben zu bleiben: unangreifbar und leicht mit einem Lächeln. Ein schwebender Moment, in dem man alles ablegt und bereit ist zu neuen Aufbrüchen ins Leben, das alte wie einen Mantel ablegt und einfach nur da ist. Blinzelnd noch der tanzenden Sonne auf dem Wasser entgegen. Es war mein 40 Geburtstag und ich feierte ihn alleine für mich.
New York und Zürich - diese beiden Fluchtmetropolen und Welten leben heute noch in mir. Und immer wenn ich im Internet surfen gehe und finde Bilder, dann klingen all diese Geschichten in mir, man wird leicht und will sich erheben, losgehen oder doch wenigstens schreiben von all dem Schellengeläute um mich herum, den gelebten wie ungelebten Aufbrüchen ins Leben.
Heute überkam mich wieder so ein Gefühl und es scheint so zu sein, dass man auch mit den Buchstaben reisen kann wie mit Fingern auf Landkarten und jede Saite in sich zum Klingen bringt, die Sehnsucht vermittelt und lebbar macht. Und sei es nur durch einzelne Blicke und Geschichten, durch ein Dreh des Kaleidoskops gemachter Erfahrungen.
Die Zutaten immer dieselben, die Aussichten jeweils neu und anders, wie auch hier auf diesen wunderbaren Fotoseiten über New York - der Fluchtwelt schlechthin. Voll jüdischem Humor, voll innerem Herzschlag, voll Lebendigkeit.
Ein Haufen Steine mit Mensch. Immer noch und immer wieder. Pulsierendes Leben. Immer wieder neu und tief im Inneren mit demselben, alten Herzschlag. Spürbar durch jede Mauer, tief unter dem Asphalt. Immer noch das Gleiche seit Jahrhunderten echot es entgegen:

Willkommen daheim, Fremde. Wo warst Du so lange?
Und warum bist Du nicht eher gekommen?
Donnerstag, Dezember 07, 2006
Unerwarteter Besuch
Natürlich rattern alle Phantasien durch den Kopf. Aber eine Antwort bekommt man dort nicht. Und so vergingen noch einmal vierzehn Tage, bis sie heute tatsächlich vor der Türe standen. Nun, es ist kein angenehmes Gefühl, wenn auf einmal zwei Polizisten vor der Türe stehen. Zum Glück war ich ja vorgewarnt und wusste, dass es nichts Akutes sein könnte. Würden sie sich sonst so viel Zeit lassen? Sicherlich nicht. Also konnte es sich nur um eine Zeugen oder sonstige Aussage handeln. Aber dazu hätte man mich ja auch schriftlich anhören können. Wie immer, wenn man ein Knöllchen oder ein Bußgeldbescheid bekam.
Rocco wedelte freundlich mit dem Schwanz als sie sagten, sie wären dienstlich verpflichtet, bei mir vorbei zu kommen. "Worum geht es denn?" fragte ich zurück. "Das können wir so hier an der Türe nicht sagen. Haben Sie denn etwas Zeit für uns?" "Hm", dachte ich. Und gleich noch mal "Hm" hinterher. Das schien eine ernste Angelegenheit zu werden. Also überlegte ich kurz. Ein Klient hatte sich angesagt, den ich eigentlich erwartet hatte. Und wie zwei Klienten sahen diese beiden ja nun nicht aus. Trotzdem bat ich sie rein.
"Kommen Sie für einen Moment, aber ich habe gleich eine Beratung!", sagte ich, um sie über das mögliche Erscheinen eines Gastes vorzubereiten. Wir gingen ins Wohnzimmer und ich bat sie, doch Platz zu nehmen. Verlegen setzten sie sich. "Also, worum geht es denn jetzt?"
"Ja, wir sind von Amts wegen bei Ihnen. Da gibt es ein Schreiben aus Düsseldorf und dem müssen wir nachgehen." Düsseldorf, da war doch was in der letzten Zeit. Ja klar, ich habe meinen Talar dort vor dem Landeskirchenamt niedergelegt. Sicherlich, aber das war doch eine angekündigte, öffentliche Aktion. Hätte ich dafür das Ordnungsamt fragen müssen? So ganz sicher ist man sich ja doch nicht.
"Ja bitte .... ?" fragte ich und war nun doch gespannt auf die Auflösung. "Nun, diese Aktion von Ihnen da ... Ich meine, das konnte man ja auch in der Presse nachlesen ..." Stimmt, dacht ich. Es gab einen guten Bericht in der Rheinischen Post; der Evangelische Pressedienst hat dagegen schlecht und zum Teil unwahr berichtet. Aber wie sollte er auch anders können? "Ja, das ist ja bekannt," sagte ich. "War irgendwas damit nicht in Ordnung?"
"Verstehen Sie uns recht, Frau Kammann. Wir müssen von Amts wegen der Geschichte nachgehen. Also das Landeskirchenamt hat uns da einen Brief von Ihnen übergeben. " Aha, dachte ich, von daher weht der Wind! Mein Brief an Oberkirchenrat D. fand jetzt Eingang in eine polizeiliche oder staatsanwaltschaftliche Ermittlung. "Und das Landeskirchenamt sieht sich da bedroht und dem müssen wir natürlich nachgehen!" So welche sind das also. Was müssen die doch eine Angst vor Karin Kammann entwickelt haben. Wie tief muss sie das doch getroffen haben, dass da jemand seinen Gefühlen und seiner inneren Wut auch Worte gibt und verleiht. Und sich nicht scheut, dazu zu stehen.
"Ja, Sie schreiben da, dass sie mit einer Schrotflinte ins Landeskirchenamt gehen wollen." Nun lag der kopierte Brief an den Oberkirchenrat D. mit den gelb inkriminierten Stellen auf dem Tisch. Ein Beweismittel. Ein klassischer "corpus delikti". Der Anlass allen Übels. Eine Frechheit. Ein Drohbrief. Die Ankündigung eines Amoklaufes. Was auch immer. Der Zeigefinger des Polizisten ruhte auf dem gelb markierten Satz.
"Schauen Sie," sagte ich, "schauen Sie und lesen sie doch. Es handelt sich hier um die Schilderung eines Traumes." Ich zeigte auf den Text. "Ja, das sehen wir auch. Aber ... " "Mein Anwalt hat dazu auch schon explizit Stellung genommen." "Ja, ich glaube, das Schreiben ist dem beigeheftet," sagte der eine Beamte und begann in der umfangreichen Akte zu blättern.
Der andere rutschte etwas verlegen hin und her. Fast so, als wollten sie sich entschuldigten, dass sie überhaupt da waren. "Sehen Sie, da steht doch Traum und Phantasie. Und die wird man doch noch äußern dürfen in diesem Land? Also, worum geht es denn jetzt. Was wollen Sie von mir?"
Ja," begann der eine, "es ist so, wir müssen doch von Amts wegen dem nachgehen. Sie wissen ja ... " "Und nun ... ?" fragte ich. "Sehe ich so aus, dass ich Amok laufen würde und dann noch im Landeskirchenamt? Wissen sie, ich habe als eine der wenigen Frauen Zivildienst geleistet. In einem Ev. Krankenhaus den Wehrdienst verweigert Und das bewusst und absichtlich. Warum sollte sich daran etwas ändern? Und wenn Sie im Text weiter lesen, steht dort, das ich im Traum die Türen auftrete und dort auf menschen große Meerschweinchen treffe, die an überdimensionierten Schreibmaschinen sitzen. Gibt es die auch in Wirklichkeit? Und wenn ja, schießt man dann etwa darauf?"
"Nein das sicherlich nicht, Frau Kammann. Was wir glauben und wie wir das einschätzen, steht hier nicht zur Diskussion. Es ist nur, dass wir dem nachgehen müssen."
Aha, dachte ich. Aber wem wollen sie nun nachgehen? Meiner Geschichte der landeskirchlichen Heuchelei und der permanenten Vertröstungen, der uneingefüllten Versprechungen und der selbstherrlichen Arroganz, immer nur das Beste für mich gewollt zu haben. All diese einundzwanzig Jahre? Wohl kaum.
"Schauen Sie," sagte ich "das ist ein Traum und die Meerschweinchen dort im Text sind eine Metapher für die geballte menschliche Hilflosigkeit des Landeskirchenamtes, mit einem Menschen, der anders ist, adäquat umzugehen. Das Fazit ist einfach: Selbst für ein Wutszenario oder einen klassichen Amoklauf taugen diese Meerschweinchen nicht."
"Frau Kammann, darum geht es uns auch nicht," bekam ich als Antwort. Damit wusste ich zugleich, dass es nicht um die Exegese dieses Briefes gehen konnte. Wie auch, hier sass mir ja die Polizei gegenüber. "Wir sind gehalten Sie zu fragen, ob Sie eine Schrotflinte besitzen."
Was?? Ich konnte es nicht glauben. Da schickt mir das Landeskirchenamt die Polizei nach Hause, um überprüfen zu lassen, ob ich eine Schrotflinte besitze? Unfassbar. Da wurde der Traum von denen flugs zur Realität gedrechselt. Eine Bedrohung geschaffen und aufgebaut. Schuldige benannt, die verhört werden müssen. Die hatten wirklich gedacht, dass ich eine solche Waffe besitze?
Wie armselig (= arm an Seele) muss ein solcher Verdacht doch wirken. Wie dumm und von wenig Menschenverstand. Eine Kirche, die ihre Pastorin im Ehrenamt des Amoklaufes verdächtigt, weil sie einen Traum und eine Phantasie schildert, in dem eine Schrotflinte vorkommt? Wie jämmerlich dumm und engherzig muss es dort zugehen, wo Menschen nicht mehr lesen können. Wo die Wahrnehmung sich verzerrt auf eine Bedrohung und man anderen nachstellen muss, um sich selber sicher zu fühlen? Da sind mir Meerschweinchen weitaus angenehmer.
"Nein," sagte ich lachend den beiden Beamten. "Eine Schrotflinte besitze ich nun wirklich nicht!" Dann stand ich auf und zeigte den Beamten die nicht vorhandene Waffe und sie überzeugten sich durch Augenschein, dass diese auch wirklich nicht vorhanden war. Was sie dann auch jederzeit bereit waren, anderen schriftlich zu testieren. "Somit wäre das geklärt!" sagte der eine, faltete die Akte zusammen, während der andere noch mal zu einer Entschuldigung ansetzte. "Lassen Sie es gut sein," unterbrach ich ihn. "Sie können ja nun wirklich nichts dafür."
Als sie zum Ausgang gingen, drehten sie sich um. "Entschuldigen Sie bitte abermals für die Unannehmlichkeit. Wir hoffen aber, das Vertrauen in Ihre Polizei haben sie dennoch nicht verloren." "Nein, das habe ich sicherlich nicht! Ich verstehe schon, dass Ihnen so etwas auch unangenehm ist." Als sie die Türe öffneten kam Rocco von oben runtergeflitzt, wedelte mit dem Schwanz und ich ließ ihn dann mit den beiden Beamten freudig nach draußen entkommen. Aus dem Küchenfenster sah ich, wie der eine Beamten noch mit ihm spielte. Schön, dachte ich, wenn Hund und Mensch sich so vertragen.
P.S.: Wahrscheinlich wurde gleichzeitig das Landeskirchenamt mit einer Hundertschaft auf das Vorhandensein von menschen großen Meerschweinchen durchsucht. Kann sein, einige waren noch da.
