Dienstag, Oktober 17, 2006

Prekariat

Schon merkwürdig, wenn einem den ganzen Tag über ein Wort nicht aus dem Sinn gehen mag. Heute morgen passiert es, als ich das Radio anschaltete.

Das Prekariat war gefunden.

Während sich Politiker noch streiten, ob man in Deutschland das Wort "Unterschicht" überhaupt verwenden durfte, meldete sich die Friedrich Ebert Stiftung mit dieser souveränen Wortschöpfung zurück. Man habe nicht ein einziges Mal "Unterschicht" gesagt, sondern das Wort "Prekariat" benutzt.

Prekär. Auch diese Wahl.

Immerhin bietet sie jetzt Heimat den Heimatlosen an. Das ist nicht gering einzuschätzen. Dann erinnerte ich mich: Es gibt das Referendariat. Das Volontariat. Das Vikariat. Letzteres habe ich als Theologin auch geleistet. Es muss also immer was mit einer Ausbildung zu tun haben, hier bei diesen -iat Endungen. Nun also fragte ich mich: um welche Ausbildung handelt es sich hier? Und auch: Wer sollte mal ins Prekariat gehen und dort entsprechend ausgebildet werden?

Wäre das Prekariat nicht ein notwendiger Schritt für die Manager Ausbildung auszubauen? Ich denke da an ein sechswöchiges Seminar oder gar eine komplette Ausbildung in sozialer Kompetenz. Ein zweijähriges Prekariat für Führungskräfte in börsennotierten Unternehmen. Das würde ich dann vorschreiben lassen. Für alle, die über das mittlere Management hinaus schauen wollen. Und vielleciht auch für die Politiker dazu. Immerhin wäre dann der Gebrauch des Wortes sprachlich richtig verankert im Lebensgebrauch. Adäquat zu den anderen Ausbildungsformen auf -iat.

Aber halt, vielleicht habe ich da etwas miss verstanden. Schaue ich mir die Leistungen der angestellten Manager in Deutschland an, kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren: schon lange wird dort die Führung ins Prekäre eingeübt.

Na, dann ist ja alles wieder gut. Endlich ist auch "unten" angekommen, was sich oben schon lange als Führungskultur gelebt wird. Daher: seid getrost. Das Prekariat kann ruhig kommen.

Karin Kammann
die sich ab heute nur noch Pastorin im Prekariat nennen wird.


1 Kommentar:

Beate hat gesagt…

Heute war ich in der Stadtbücherei. Mal wieder in der ZEIT stöbern; das Abo längst gekündigt - zu teuer fürs Prekariat. Worum gings? Klar doch...

Und was las ich da? Prekariat, das sind die Bildungsfernen, die jungen Benachteiligten. Die sich aus dem Leben verabschieden, keine Chance mehr sehen, radikal wählen. Wenn überhaupt. Denem muss man helfen. Muss man ja auch wirklich.

Und denen, die nicht bildungsfern sind? Die mitten im Leben stehen, Verantwortung haben, für Familie, Kinder, ihnen die Bildungschancen geben möchten, die sie selbst hatten. Die, die sozialverträglich aus dem Leben gespült werden? Mitten drin, 20 Jahre zur Rente - zu alt.

Kein Wort. Off the radar screen of our society.

Also nicht einmal Prekariat...
was dann?