Freitag, Oktober 13, 2006

Anrührung: Volvo 164E

Kann sein, ich habe eine Macke. Und wenn, dann auch eine ordentliche und ausgeprägte, darunter würde ich es wohl kaum tun. Also meine Macke ist seit nunmehr einem Jahr, dass ich alte Autos spannend finde. Irgend eine Reminizens an eine verlorene Zeit, vielleicht auch das Gefühl, etwas wieder-holen zu können, allein durch Anschauen und Betrachten, durch Berührung und Bewegung solcher metallenen Vehikel. Wie gesagt, den Benz fahre ich selber, aber allein die Vorstellung, dass es damit auch sein Bewenden hätte, kann ich nur als naiv bezeichnen.

Im Gegenteil - überall sieht man alte Autos fahren, entdeckt hier und dort dieses blecherne Kulturgut. Allein gestern am Parkdeck in Moers sprang mir dieser dottergelbe W123 Mercedes ins Auge: eine Farbe, die wir heute nicht mehr kennen. Ein augenzwinkerndes Erkennen, so als sei man allein durch die Wahl des Automobils einer neuen Gemeinschaft beigetreten, ohne Formulare, ohne Aufnahmeriten, ohne Beiträge - aber doch mit dem Signum des gegenseitigen Erkennens: ein Augenzwinkern für die Aufmerksamkeit. Ein Aha im Augenblick, mehr bedarf es nicht, um sich zu vergewissern.


Da meine Mechaniker - oh ja, ich habe diese neuerdings, da alle sich um das alte Auto mit einer Fürsorge kümmern möchten, die weit über das Übliche hinausgeht - meinten, ich solle mein Auto nicht im Winter auf eisglatter Fahrbahn bewegen, schaute ich im Internet nach einem Winterwagen nach. Ein kleines Auto, billig in Anschaffung und Unterhalt, gerade genug, die harten Frostmonate dem Benz zu ersparen.

Aber wie es so kommt: es ist das Auge, das begehrt. Und so blätterte ich in den Internet Seiten und blieb dann wie vom Donner gerührt an einem Volvo 164E hängen, der für 1.500 Euro nicht mal zehn Kilometer entfernt offeriert wurde. Schwedenstahl. Über dreißig Jahre alt. Dunkelblau. Wie nobel der auf einer grünen Wiese aussieht. Phantasien in meinem Kopf. Die ersten Fahrten nach Dänemark. Damals mit meinen Eltern. Wir waren Kinder und klein. Dieses Auto war schon damals erwachsen. Das Blut pumpte meine Ader aus der Stirn.


Wegklicken ging nicht mehr. Es gibt Dinge, die kann man besuchen und wieder verlassen. Bei diesem Auto war es anders. Welche Geschichte mag sich dahinter verbergen? Welche Umstände den Verkauf nahe legen? Ich rief an. Eine ältere Frauenstimme antwortete freundlich. "Hallo?" "Ich rufe an wegen dem Volvo, der inseriert wurde. Bin ich bei Ihnen richtig?" Etwas brüchig, aber lächelnd kam es zurück: "Durchaus!" Es war, als ob eine Erinnerung ihre Stimme streifte und wie ein Wind einen kleinen Wirbel machte, um sich sofort danach zu legen. Still und bereit. "Ich möchte das Fahrzeug gerne mal anschauen, könnte ich da bei Ihnen vorbei kommen? Ich komme aus Wachtendonk!" "Na, da werden Sie ja einen ziemlich langen Weg vor sich haben," scherzte sie, wohl wissend, dass nicht mal zehn Kilometer uns trennten. Und dann beschrieb sie mir den Weg zu sich, ein braunes Tor zum Schluss, vor dem alles endete. Dort sollte ich hupen und etwas Rücksicht nehmen, wenn nicht sofort geöffnet wurde. Ich versprach, daran zu denken. "Und rufen Sie bitte vorher an, wenn Sie kommen!" verabschiedete sie sich aus der Leitung.

Den Tag darauf wollte ich vorbei kommen. Das Gespräch ließ mir noch weniger Ruhe als das Auto. Beides zusammen bildete eine so eigentümlich perfekte Melange, wie sie selten vorkommt. Eine Anrührung auf Zeit, temporär aber bleibend. Vergänglich wie ein Parfum, dessen Duft man dennoch nie vergessen kann. Ich rief an, um mein Kommen anzukündigen. und erntete eine Abfuhr. "Nein. Heute passt es mir gar nicht. Tut mir leid!" Drei kurze Aussagen, nicht unfreundlich, aber bestimmt. Nein. Heute nicht. Ein Mensch mit Prinzipien. Jemand, der für andere nichts mehr machen muss. Schwedenstahl. Kam mir in den Sinn.

Am selben Tag fuhr ich wie aus Versehen am braunen Tor vorbei. Wunderte mich nicht, dass ich anhielt, ohne zu hupen und ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Nickte und fuhr weiter. Eine erste Annäherung. Ein Flirtversuch mit einem Auto. Einem Menschen. Einer Stimmung in mir. Ein leises Summen ging durch meinen Kopf, wie eine Melodie, die langsam ihre Töne fand.

Den Tag darauf rief ich wieder an. "Ah Frau Kammann. Schön, dass sie anrufen. Ja, kommen sie nur." Ein anderer Mensch, so schien es mir. Heiter, lustig, gut aufgelegt. Gelöst vor allem. "Ich komme dann zwischen Elf und halb Zwölf!", sagte ich und mich packte, trotz all der vielen Dinge, die ich an diesem Tag noch erledigen musste, eine gewisse Vorfreude. Endlich würde ich sie kennen lernen. Beide - den Wagen und sie.

Mit etwas Verspätung hupte ich vor dem braunen Tor. Nichts geschah. Ich wartete weiter, ohne die Hupe abermals zu betätigen. Es wird etwas dauern, hatte sie gesagt. Als der Gedanke zu Ende war, kam sie aus der Haustüre zum Tor, winkte mit ihren Armen wie ein Ruderer, der seine Ruder einzieht und öffnete das braue Tor, zu dem ihre weiße Bluse einen eigentümlichen Akzent setze. Wohlgenährte, braunrote Hühner liefen wie Kinder spielend über das Gelände. Die Sonne blinzelte durch die Bäume und für einen Moment war es wie ein Ankommen zu Hause. So ein Dejavu, als ob die Zeit stehen bleibt. Da stand er nun vor mir. Admiralblau und unversehrt.

Hinter mir quietschte das Tor. Ich stieg aus und die Frau gab mir ihre knochige Hand. Ein fester Druck, ein Lächeln um die Mundwinkel. Die Haare schneeweiß um ihr schmales Gesicht gebunden, begann sie fachkundig die Führung durch ein Stück schwedische Industriegeschichte. 20 Jahre lang, war der Wagen in ihrem Besitz. Erst rot, jetzt blau - ja sicherlich mehr als die angezeigten 220.000 KM auf dem Tacho sei er gelaufen. Sie schätze ihn auf mindestens 400.000 KM, so wie es auch in der Anzeige im Internet stand. Nein, die Polster seien wirklich hinüber und eigentlich wollte sie ihn gar nicht abgeben, aber jetzt ... und sie machte eine hilflose Geste. Jetzt ginge es nicht mehr.

Ja, er steht schon anderthalb Jahre so unter den Bäumen im Schatten, sei aber vor vier Wochen problemlos wieder angesprungen, als man ein Starterkabel zu Hilfe nahm. Ein ungehobener Schatz, der sich nicht aufdrängte. Der da stand wie ein Monument und daneben diese Frau mit dem langen Rock, der ihren schmalen Körper irgendwie zusammen hielt. Der Wind fuhr in ihre grauen Haare. Es wäre ein Einfaches gewesen, die Tür zu öffnen - kommen Sie bitte mit, wir machen jetzt eine Ausfahrt Gnädigste - den Motor zu starten, das Radio einzustellen und zu fragen: Wohin darf ich Sie heute ausfahren? Die Phantasie verschwand, als sie die Fahrertüre öffnete. Ein muffiger Geruch drang mir entgegen. Nässe und Feuchtigkeit hatten den Innenraum zerstört. Die Polster waren zerrissen und aufgeplatzt. Keine auch nur entferntest Möglichkeit, darin Platz zu nehmen.

"Damals sagten sie, dass ich deswegen kein H-Kennzeichen bekomme." Sagte die Frau und zuckte abermals mit ihren Schultern, so als müsse sie sich von einem ihrer besten Kleidungsstücke trennen. Ein Chanel Kostüm aus blauem Schwedenstahl. Sie öffnete die Motorhaube, die einen Blick auf den Sechs-Zylinder freigab. Ruhig lag er da, im Motorraum. 3 Liter Hubraum. Unverwüstlich, so hatte ich zuvor im Internet gelesen. Und nicht nur in Autos verbaut, aber dort langlebig wie kein anderer. Untenliegende Nockenwelle, viel Drehmoment. Bei Präsentationen ließen ihn die schwedischen Techniker immer weit über der Nenndrehzahl hochdrehen. Eine Minute, zwei und drei Minuten. Nach spätestens sieben Minuten sollen die Zuhörer gebeten haben, den Versuch abzubrechen. Worauf sie die lakonische Antwort erhielten: "Der läuft noch eine Stunde so, ohne Schaden zu nehmen."

Eine Autogasanlage war verbaut, was kein Wunder war hier an der holländischen Grenze. Bei aller aristrokatischer Schönheit achtete man doch aufs Geld. Und ein drei Liter Motor brauchte schon mal 16 Liter Gas, um die über anderthalb Tonnen Schwedenstahl zu bewegen. Nun stand alles still. Spinnen hatten im Motorraum ihre Netze ausgeworfen, um Beute zu machen. "Doch, der ist problemlos angesprungen!" sagte sie und zeigte, wie sie auf der Wiese hin und her gefahren sei. Wie ein Tiger im Käfig, dachte ich noch, während sie "Hin und Zurück, immer Hin und zurück" sagte. "Der ist ja leider nicht mehr zugelassen. Da kann ich nicht mehr auf die Straße mit."

"Warum verkaufen sie ihn denn?" fragte ich, um etwas mehr über sie heraus zu finden. "Ich wollte ihn eigentlich noch fahren, aber dann kam der Knochenkrebs. Und dann sagte ich mir: Gut, erst danach. Wenn ich das durch gestanden habe. Und jetzt, jetzt kann ich einfach nicht mehr. Wissen Sie, den haben wir schon so lange bei uns. Mein Mann wollte immer nur Volvo fahren und ich habe ihn über die Jahre einfach lieb gewonnen. Der hatte so was von einem Jaguar, sagte er immer. Nur viel zuverlässiger. Ja, und so steht er immer noch hier. Ich kann ihn nicht mehr fahren." "Lebt denn ihr Mann noch?" fragte ich. "Nein, der ist vor elf Jahren schon gestorben. Den Wagen habe ich dann behalten und selber gefahren. Und jetzt muss ich mich davon trennen."


Ich machte ein paar Fotos mit der Kamera. 1500 Euro waren ein mehr als fairer Preis. "Ja, es haben sich schon viele gemeldet. Zwanzig wohl und es kam schon jemand aus Stuttgart vorbei. Der hat dann auch Fotos gemacht. Aber ich würde ihn doch gerne in gute Hände abgeben. So dass er nicht verkommt," sagte sie mit der Gewissheit des endgültigen Abschieds, der auch ihr absehbar bevorstand.

"Ich werde schauen, was ich tun kann. Ein Freund von mir restauriert schwedische Autos in Berlin, vielleicht hat der Interesse." Mir wurde klar, dass ich das Auto nicht erstehen würde. Das erforderte fachmännische Arbeit. Da mussten andere ran. Mein Geschenk war diese Begegnung mit beiden. Dem blauen Volvo aus Schwedenstahl und dieser wunderbaren Frau daneben, voll Heiterkeit und Würde.


Die Hühner gackerten, als ich meinen Benz startete. Ich drehte das Fenster herunter und sagte dann wie von allein: "Wissen sie, wenn sie mal wieder ausfahren wollen, rufen Sie mich bitte an. Ich würde gerne mit ihnen eine Ausfahrt machen. Wenn auch nicht im Volvo, so doch mit Ihnen." Dann öffnete sie das braune Tor, ich wendete und winkte zum Abschied. Als sie das Tor schloss, war von außen nichts weiter zu erkennen. Ein kleines Haus im Schatten der Bäume. Mehr nicht.


Kommentare:

Daniel hat gesagt…

Mensch Karin, weiß garnicht recht was ich sagen soll.....danke für den wunderschönen Text, er hat mich berührt. Ganz tief drin.

Daniel

Sylvia hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Sylvia hat gesagt…

Hi du fantasiereiches Menschenkind, soll ich jetzt wieder sagen, die Geschichte ist wunderschön? Ergreifend? Ich habe sie mit Freude gelesen. Dazu fällt mir eine Geschichte von meinen Großeltern ein, "natürlich" auch Mercedesfahrer. Angeregt durch dich werde ich sie hierhinein setzen. Es ist schön, dich zu kennen. Übrigens:meine Oma aus der Geschichte sah deiner Oma verdammt ähnlich,auch so zerbrechlich, hat die sich transformiert?
Ruhiges und sonniges WE wünsche ich euch dreien
sylvia

Diana hat gesagt…

Wunderschön beschrieben, chapeau! Mir fiel beim Lesen ein Bekannter ein, der auf ähnliche Weise einen alten Jaguar erstand. Der Besitzer lud ihn zu sich ein und beobachtete ihn sehr aufmerksam, als der den Wagen begutachtete. Als mein Bekannter sagte, ja, er wolle ihn, ein so wundervolles Auto! meinte der Besitzer des Wagens nur: Kommen Sie mit, und lud ihn auf einen Kaffee in sein Haus. Als sich mein Bekannter aufs Sofa setzte, sagte der Besitzer des alten Jaguars zu ihm: Erzählen Sie mir von Ihrem Leben. Erzählen Sie...und wenn ich Ihnen zugehört habe, sehen wir, ob Sie zu meinem Wagen passen, ob sie ihn verdienen :)

Karin, warst Du schon einmal auf dem AvD-Oldtimer Grandprix am Nürburgring? Spannender als der Grandprix selbst ist der sich weit übers gelände erstreckende Parkplatz, voller Old- und Youngtimer (ich sah dort vor mehreren Jahren u.a. mehrere Glas und den hinreißenden Honda S800). Dort findest Du viele persönliche Liebesgeschichten.