Montag, März 09, 2009

Von Scharlatanen und anderen Gewinnlern ...


Krise ist ja so ein verlockendes Wort. Und sie bringt Menschen dazu, zusammen zu rücken, sich verbinden zu wollen, um nicht allein zu sein gegen das Grummeln, was sich am Horizont abzeichnet. Dabei scheinen neue Tugenden sich auszuprägen: anfängliche Zurückhaltung weicht der Vertrautheit, Skepsis dem Wunsch nach Verbindung. Während Susanne Klatten als reichste Frau Deutschlands schon in diese Falle getappt ist, stehen woanders die Fettnäpfchen sperrangelweit auf.

Gerade für Versprechungen ist der Mensch empfänglich, weil er darauf angewiesen ist zu glauben. Glauben zu wollen, vertrauen zu wollen - gerade dann, wenn der Kopf nein sagen müsste und das Herz noch schläft. Irgendwie haben wir alle ja eine Ahnung, was gut und stimmig ist für uns und doch zugleich diese Sehnsucht nach Herzklopfen, Dinge zu wagen, die man sonst nicht getan hätte.

Diese Krise ist eine große Chance.
Gewiss, das ist sie.

In einer Fernsehsendung konnte ich letztens eine autistische Ärztin sehen; sie war unsicher in sich und doch ganz gefasst: eine Psychiaterin, deren kühler Blick und nüchterne Sprache so wohltuend war, fast emotionsfrei und dann doch mit so großer Hilflosigkeit gekontert, dass sie berührend wurde. Berührbar - eine Gratwanderung im Lande des nicht gefühlten Mit-Sich-Seins, was Autismus vielleicht treffend beschreiben mag. Ich habe diese Frau dort in diesen Momenten bewundert und beneidet, weil sie so klar und verletzlich war. Weil sie wusste, ganze Teile dieser Welt kann ich gar nicht erst wahrnehmen, aber ich setze mich dennoch hier hin, in diese Sendung und erzähle von mir.

Das war beeindruckend, weil absolut absichtlos. Das konnte auskommen ohne Versprechungen auf Rettung und Heilung, auf das große Danach. Da kamen kleine Wünsche zum Vorschein, die eigene Wohnung leben können, die Beherrschung eines Fahrzeuges. Alles in so wunderbar schöner Münze dargeboten, dass das Große verstummen musste.

DA WAR EIN MENSCH.

Ich kenne Menschen, die fühlen sich dagegen zu Höherem berufen. Die wollen große Räder drehen, anderen und vor allem sich selber zum Gefallen. Da geht es um eine "höhere Liebe" und "höhere Ordnung". Da ist immer ein Mehr und ein Weiter auf dem Plan - eine permanente Expansion, als wäre man von einer unbekannten Mission getrieben und ist es doch nicht. Auffällig bleibt dabei die Diskrepanz zu den kleinen und gehandicapten Menschen. Denen begegnet man in liebevoller Zu- und Hinwendung - Eleven gleich, die ihr wahres Leben noch erst vor sich haben. Solche Menschen setzen Gefühl gezieht ein, um sich zu bereichern. Helg Scarbi, der Giggolo der Susanne Klatten, mag nur ein Prototyp dessen sein, was an Scharlatanen heute frei herumläuft.

Neulich bin auch in eine solche Falle getappt: Da wo man mir mehr versprach, als man bereit war zu halten. Da wo die Expansion des Großen und Ganzen mehr zählte, als der sensible und respektvolle Blick und Umgang untereinander. Und - grotesk genug - das alles geschah dort, wo man selber noch unter dem Label "Coaching" antrat. Wo ich Wertschätzung erwartete, wurden mir Rechnungen gestellt. Wo ich Zeit und Arbeit investierte, sollte ich noch selber dafür bezahlen. Verrückte Zeiten. Perverse Implosionen. Die Selbstausbeutung als Beteiligungsmetapher.

Man muss erst geben, um dabei sein zu können. Zugehörigkeit entwickelte sich als letzter, eigener Wert. Das alles sind bekannte Chiffren, sektenmäßig dekliniert.

Letzlich ent-puppte sich das Pekunitäre als wahres Movens: sich auf Kosten anderer zu bereichern ist allerdings doch eine ganz andere Bewegung, als liquide untereinander in Austausch zu treten. Gleich berechtigt. Ohne vorab Eintrittsgelder zahlen zu müssen. Das zu verwechseln kann für die eigene Integrität tödlich sein. Susanne Klatten weiß davon.

Austausch, das bedingt die Gewissheit der eigenen Verletzlichkeit. Das Fraktale, dass sich in den Worten der autistischen Ärztin wieder fand, dieses sich riskieren wollen und nur für sich allein da sein können: Keine Rückendeckung. Nichts als sich selber zu Hand. Gleiche Augenhöhe und weiter nichts. Respekt als letzte Zuflucht.

Ich wünschte und hoffe mir, dass wir in der Krise lernen, die Scharlatane von den wirklich Berührbaren zu unterscheiden. Wer Authtentizität sagt und einfordert, muss noch lange nicht authentisch sein. Wer Liebe predigt, muss nicht lieben oder könnte doch nur sich selber meinen. Das zumindest ist das zu lernen - nicht nur von einem Helg Scarbi und all den anderen, deren Beutezug noch lange nicht aufgehört hat, sondern vielleicht woanders gerade erst anfängt.

Wenn es uns gelingen mag, den eigenen Mangel auszuhalten und mit sich selber gut zu werden, hätten wir eine neue Chance auf wachsende Gemeinsamkeiten. Auf guten Austausch, der nicht pekunitär verwertet werden muss. Auf eine Gemeinschaft, die Tragen kann.

Nicht darauf kommt es an, zu den Gewinnern zu gehören. Nicht darauf, große Räder zu drehen und unfassende Pläne darzulegen. Das ist die Sprache von Gestern, an der wir heute gescheitert sind. Auch und gerade pekunitär.

Vielleicht genügt es voll und ganz, den kleinen Kontakt zu halten, denNachbarn noch in die Augen zu sehen, um zu wissen: wenn es hart auf hart kommt, sind sie da. Wie sagte ein Martin Luther noch gleich: "Wenn Du in Not bist, so wende Dich an deinen Nächsten!" und schränkte doch wissend ein ".... so Du einen hast!"




1 Kommentar:

Anke Modrow hat gesagt…

Liebe Frau Kamman, das war heute schon der zweite Text von Ihnen, der mich tief berührt hat. So etwas Schönes, verbunden mit einer tiefen Wahrheit, auch meiner, habe ich schon sehr lange nicht mehr gelesen. Nein, es ist nicht möglich, mit den vermeintlich "Großen" auf Augenhöhe zu sein, wenn man es mit den vermeintlich "Kleinen" nicht sein kann. Danke für diese Erinnerung.