Donnerstag, Februar 19, 2009

Exitus vor dem Ableben : Abwrackprämie

Es war unfassbar. Kaum zu verarbeiten für einen Menschen, der altes Blech wert schätzt, der in Autos nicht nur die Funktionalität sieht, sondern auch mobiles Kulturgut.

Nun ist sie also auch in Deutschland angekommen.
Die neue Abwrackprämie.

Sprachlich ein Krüppel sorgt diese Prämie in Höhe von 2.500 Euro sehr zuverlässig für volle Plätze bei den Auto Verwertern, wie auch hier in Kempen bei Cars.


Ein Blick dort zu werfen, ist aufschlußreich und lohnend. Ich fand Autos, die durchaus als gebrauchsfähig zu bezeichnen waren, darunter auch einen W124 Mercedes Coupe in Vollausstattung Leder.



Unfassbar. Das ist - oder heißt es jetzt: war - ein Auto der Spitzenklasse, das - vorausgesetzt es ist nicht verrottet - durchaus zu einem Klassiker sich entwickeln wird. Schon jetzt werden Preise bis zu 5.000 Euro dafür aufgerufen.


Und nun sah ich es dort stehen in einer Reihe Mittelklassewagen, ein König unter den zum Schrott Verdammten. Für 2.500 Euro weggeschleudert in den Schredder.


Als ich eintrat, um mich nach dem Wagen zu erkundigen, begegnete ich zwei Polen, die mit Schraubschlüssel bewaffnet sich selber durch die Berge von Karossen kämpfen wollten - immer auf der Suche nach Ersatzteilschnäppchen.

"Wir können die gar nicht korrekt ausschlachten, da uns dafür die Zeit schlicht fehlt. Das ist ein Andrang, den wir nur durch Ausstellung der Bescheinigung gut bewältigt bekommen. Für die eigentliche Verwertung bleibt uns kaum Zeit!" sagte mir einer der dort Angestellten, schulterzuckend.

Meine Anfrage, das Mercedes Coupe für 2.500 Euro kaufen zu wollen, wurde negativ beschieden. "Das ist bei uns ein hoheitlicher Verwaltungsakt geworden. Da kann keiner mehr etwas retten. Sobald die Bescheinigung zur Verwertung ausgestellt ist, mit der die ehemaligen Besitzer ihre 2.500 Euro beantragen können, ist da überhaupt nichts mehr zu machen."

Also eine Klare Diagnose: Exitus vor dem Ableben. Alle unrettbar verloren. Und selbst eine sachgemäße Verwertung ist unmöglich. War das so gewollt? Braucht unsere Wirtschaft diesen Wohlstandsmüll und hätten die Autos nicht ein Weiterleben verdient - meinetwegen auch in Afrika? Wer profitiert denn wirklich von dieser Prämie?

Das System ist pervers: Steuerzahler subventionieren die Anschaffung neuer Werte für andere Steuerzahler. Ein Neuwagen hat in den ersten drei Jahren über 50% Wertverlust, gemessen am alten Einkaufspreis. Dieser Verlust wird nun steuerlich eingeebnet und weg-subventioniert. Und womit? Eben - mit dem Geld anderer Steuerzahler. In jedem Schrottprämienauto steckt also ein VEB Neuauto drin. Oder anders gesagt: .... sponsored by Angie - wenngleich sie diese Entscheidung vertreten, allerdings nicht bezahlen muss.

Die Sterbenden überlässt man sich selber. Hauptsache, es wird wieder konsumiert. Unweigerlich kam mir beim Anblick der vielen verschrottungsdefinierten Autos das Wort vom "geburtenstarken Jahrgang" in den Sinn. Das Zuviel, der Überfluss, den wir nur durch weiteren Konsum bändigen können.

Und ich erschrak. Moment mal.

Mit Geburtsjahr 1959 gehöre auch ich einem solchen geburtenstarken Jahrgang an. Sehe ich hier schon meine eigene Zukunft vor mir - in einer Gesellschaft, die das Altern auch nicht zulassen kann? Die den Exitus vor dem Ableben fördert?

Mit etwas mulmigen Gefühl verließ ich diesen Ort. Autos retten wollen, ist das eine. Gedanken über sich selber machen, das andere. Zeit, sich mal die Fakten der Zukunft genauer vor Augen zu führen. Um nicht auch irgendwann "abgewrackt" zu werden. Diesen Gedanken hat noch niemand ausgesprochen. Aber wer weiss, was uns beim Zusammenbrechen der sozialen Sicherungssysteme alles noch bevorstehen mag. Und dieser scheint unausweichlich zu werden.

Rette sich wer kann. Und - allseits gute Fahrt




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Ein sehr guter Artikel über die verheerende Wirkung der Abwrackprämie findet sich auf www.ikonengold.de

1 Kommentar:

Beate_r hat gesagt…

Zwei Themen in einem, verwoben. Einem kann ich ausweichen. Werde es auch tun. Auch wenn mein Auto deutlicher gealtert sein dürfte als jener Benz.

Das andere nicht neu für mich. Die Sorge um das Altern der vielen. In einer Gesellschaft, in der es wahrscheinlich zu wenige Junge geben wird, die den Vielen helfen wird, wenn sie bedürftig sein werden. Was wird dann geschen? Ich weiss es nicht, würde den Gedanken am liebsten verdrängen - aber sollte ich?

LG

Beate