Freitag, Januar 12, 2007

Manchmal

.... wenn die Welt wieder zu eng wird, wenn der innere Stillstand einen zugleich rasend macht, weil Menschen so sind, wie sie sind, brauche ich meine kleinen Fluchten. Herzensauswege in Fluchtwelten. Abhaugedanken. Ich habe immer gut verstehen können, warum Menschen auf einmal weg mussten, warum sie nicht bleiben konnten, warum so eine innere Unruhe in ihnen war, die tickte und sie weiter zog und trieb. Von Zeit zu Zeit leide ich selber daran.

Es war im Jahre 1999 zu meinem 40. Geburtstag, da stand ich mit Tränen in den Augen am Zürisee, 700 Kilometer von der Evangelischen Kirche im Rheinland entfernt. Entkommen war ich und ich atmete die frische Luft und war frei. Die Möven flogen kreiselnde Kurven um meinem Kopf, um etwas von dem zu ergattern, was flüchtige Touristen hinterlassen hatten. Die Sonne spiegelte sich auf dem Wasser in weichen Wellen mit einem nie dagewesenen Sonnenwasserlächeln.


Tatsächlich, hier war ich angekommen, weit weg von allen. Angekommen bei mir in der Ferne, zugleich in einem Moment eine ungeahnte Erleichterung, so als wenn auch die Seele sich nach all der gelebten Trauer aufschwingt und beschließt für immer dort oben zu bleiben: unangreifbar und leicht mit einem Lächeln. Ein schwebender Moment, in dem man alles ablegt und bereit ist zu neuen Aufbrüchen ins Leben, das alte wie einen Mantel ablegt und einfach nur da ist. Blinzelnd noch der tanzenden Sonne auf dem Wasser entgegen. Es war mein 40 Geburtstag und ich feierte ihn alleine für mich.

Später dann lief ich über in die große Stadt jenseits aller Meere, von der alle schon gehört hatten und die mich innerlich zog wie eine unbekannte Heimat, ein Atempuls, ein Wiedersehen und erkennen. New York, die große Fluchtmetropole, die Heimat der Gestrandeten und Neuanfänger, in blätternden Zimmern eines YMCA, das seit Jahrzehnten vom Lack der Jahrhunderte zusammen gehalten wurde. Mein Koffer unter das Bett geschoben mit Habseligkeiten, damit ich selig hatte das Vergangene aber nur gerettet für den Neuaufbruch. Es war wie ein Rücksturz in alte Zeiten und es hätte nicht viel daran gefehlt und ich wäre einfach geblieben - ohne Entscheidung, ohne mich fragen zu müssen, was richtig und falsch ist. Einfach weil der Boden dieses Echo gab, diese Erfahrung vermittelte und diese Einladungen aussprach: Bleib, es sind so viele wie du hier hin gekommen.

New York und Zürich - diese beiden Fluchtmetropolen und Welten leben heute noch in mir. Und immer wenn ich im Internet surfen gehe und finde Bilder, dann klingen all diese Geschichten in mir, man wird leicht und will sich erheben, losgehen oder doch wenigstens schreiben von all dem Schellengeläute um mich herum, den gelebten wie ungelebten Aufbrüchen ins Leben.

Heute überkam mich wieder so ein Gefühl und es scheint so zu sein, dass man auch mit den Buchstaben reisen kann wie mit Fingern auf Landkarten und jede Saite in sich zum Klingen bringt, die Sehnsucht vermittelt und lebbar macht. Und sei es nur durch einzelne Blicke und Geschichten, durch ein Dreh des Kaleidoskops gemachter Erfahrungen.

Die Zutaten immer dieselben, die Aussichten jeweils neu und anders, wie auch hier auf diesen wunderbaren Fotoseiten über New York - der Fluchtwelt schlechthin. Voll jüdischem Humor, voll innerem Herzschlag, voll Lebendigkeit.

Ein Haufen Steine mit Mensch. Immer noch und immer wieder. Pulsierendes Leben. Immer wieder neu und tief im Inneren mit demselben, alten Herzschlag. Spürbar durch jede Mauer, tief unter dem Asphalt. Immer noch das Gleiche seit Jahrhunderten echot es entgegen:



Willkommen daheim, Fremde. Wo warst Du so lange?
Und warum bist Du nicht eher gekommen?

1 Kommentar:

Marie T. hat gesagt…

„Warum bist Du nicht eher gekommen?“

Weil Angst mich hindert zu fliegen
sitze nur da ganz benommen
Blei klebt in den Taschen des Mantels
den auszuziehen mir zu kühn erscheint

Kalt ist er und rissig
behindert mich anstatt zu schützen
„Mein sei er“, so mutet er an
und meint eigentlich „ich“

Etwas stört mich daran

Ich will „mich“ neu erfinden
und er macht da nicht mit
lieb geworden schien er mir
und undankbar jetzt meine Wehr

Doch anzukommen ist mein sehnlichster Wunsch

In mir tobt eine Kraft
so groß wie grollender Donner
ein Beben, Vibrieren ein Zittern
ein Tanz wie im Rausch

raus will es
hoch will ich
frei will ich sein
das Leben ganz zu erfahren

dann hebt sich der Blick
es neigt sich die Welt

ein Flügelschlag

und ich bin mein